Demographie

Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf das Gesundheitswesen

Ines Krumm

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Den prognostizierten demografischen Veränderungen in den nächsten Jahrzehnten wird große Bedeutung für die Zukunft der Gesundheitssysteme zugeschrieben. Die Zahl und das Durchschnittsalter der Patienten sowie das Arbeitskräftepotential werden sich wandeln. Damit werden die Aufrechterhaltung der Versorgungsqualität und die quantitative Anpassung an den veränderten Bedarf zur Herausforderung.

Demografische Entwicklung in der Großregion
In der Großregion werden sehr heterogene demografische Entwicklungen erwartet. Luxemburg und Wallonien können mittelfristig von einem moderaten bis starken Bevölkerungswachstum ausgehen.

Lothringen, das Saarland und Rheinland-Pfalz hingegen müssen sich auf Stagnation und Schrumpfung einstellen. Weiter ist eine kleinräumige Differenzierung in Wachstums- und Schrumpfungsregionen innerhalb der Mitgliedsregionen anzunehmen, die aus der wirtschaftlichen Situation und Wohnattraktivität resultiert.


Karte: Öffentliches Gesundheitswesen

Karte: Öffentliches Gesundheitswesen

Ines Krumm, Saarbrücken

Der Anteil der Rentner an der Gesamtbevölkerung der Großregion steigt Zahl der Krankenhausfälle nach Altersgruppen in Deutschland (2005)
Quelle: Krankenhaus-Report 2007

Die Alterung wird die gesamte Großregion erfassen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Die Zahl der Geburten und die Verteilung von Zu- und Abwanderung auf die Altersgruppen sind hier mitbestimmend.

Quantitative Auswirkungen auf das Gesundheitswesen
Ältere Menschen sind öfter, länger und häufiger schwer krank. In der zweiten Lebenshälfte werden mehr medizinische Dienstleistungen in Anspruch genommen als in den Lebensabschnitten zuvor.

Die Verteilung der Krankenhausfälle auf die Altersgruppen zeigt einen Anstieg ab etwa dem 55. Lebensjahr, der sich in den höheren Altersgruppen zunehmend fortsetzt (Die hohe Zahl der Fälle bei den unter 1-Jährigen kommt durch die Geburten im Krankenhaus zustande.)

Damit erhöht sich der Bedarf an Dienstleistungen im Gesundheitswesen durch die relative Zunahme älterer Menschen.

Die quantitative Veränderung der Bevölkerungszahl, je nachdem ob positiv oder negativ, kann diese Entwicklung abbremsen oder verstärken.

Es ist jedoch nicht möglich, konkrete Zahlen zu nennen, lediglich Tendenzen sind absehbar. Zu viele Unsicherheiten wie undifferenzierte Bevölkerungsprognosen, Unwissenheit über die Entwicklung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung und politische und wirtschaftliche Faktoren sind im Spiel.

Während insgesamt von einer Erhöhung der Zahl der Behandlungsfälle auszugehen ist, werden gleichzeitig immer weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Im nächsten Jahrzehnt erreichen viele Ärzte die Altersgrenze und müssen ersetzt werden.

Quantitative Auswirkungen in der Großregion
Aus diesen Annahmen ergeben sich für die Großregion folgende Szenarien: In Luxemburg und in den Wachstumsregionen Walloniens kommt es zur einer starken Erhöhung der Nachfrage, verursacht durch die Gleichzeitigkeit von Bevölkerungswachstum und Alterung.

Für das Saarland, das eine sehr hohe Zahl an Krankenhausbetten vorhält, kann tendenziell von Überkapazitäten ausgegangen werden, die den zwar zunehmenden individuellen Bedarf der andererseits aber insgesamt zurückgehenden Bevölkerung übersteigen.

In den ländlichen Gebieten Lothringens, deren Bevölkerungsdichte weiter sinken könnte, wird die Versorgung zunehmend schwieriger.

In Rheinland-Pfalz wird es zu einer Zweiteilung in boomende und schrumpfende Regionen kommen, mit den entsprechenden Folgen für das Gesundheitswesen. Sicher ist, dass die Veränderungen eine starke, relativ kleinräumige Heterogenisierung bezüglich des Bedarfs verursachen werden.

Bevölkerungsentwicklung in den Teilregionen der Großregion 1970-2008
Quelle: Statistikportal der Großregion
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Bevölkerungsprojektion 2020 für die Großregion: Vergleich gegenüber 2006
Quelle: IBA/OIE 2009, S. 22
external link pdf Zahl der Fälle ausgewählter Diagnosen 2007, 2030 und 2050
Quelle: Fritz-Beske-Institut für Gesundheits-System-Forschung 2009

Qualitative Auswirkungen auf das Gesundheitswesen
Ebenso wichtig wird der qualitative Umbau des Gesundheitswesens sein. Eine Gesellschaft mit sinkenden Geburtenzahlen braucht weniger Geburtshilfestationen und Kinderärzte.

Die alternden Patienten benötigen stattdessen geriatrische Fachabteilungen. Altersspezifische Eingriffe, wie z.B. das Einsetzen von künstlichen Hüftgelenken, werden ebenso wie die Behandlung von typischen Altersleiden wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zunehmen.

Demenzkranke Patienten, deren Zahl sich in Zukunft aufgrund der höheren Lebenserwartung erhöhen wird, brauchen spezielle Betreuung. Daneben wird die Zahl pflegebedürftiger Menschen stark steigen.

Um das Ausmaß des zukünftigen Anstiegs altersbedingter Leiden zu verdeutlichen, wurden für Deutschland Schätzungen für einige Krankheiten vorgenommen. Die Tendenz dieser Prognosen ist sicherlich auch auf andere Regionen übertragbar:

Die Zahl der Fälle steigt für die ausgewählten Diagnosen Oberschenkelhalsbruch, Herzinfarkt und Demenz deutlich an, obwohl 2030 und 2050 weniger Menschen in Deutschland leben werden.

Die Behandlung altersbedingter Leiden und Krankheiten wird in Zukunft quantitativ wichtiger werden. Dabei ist zu beachten, dass die hohen zukünftigen Fallzahlen auf weniger Menschen verteilt sind.

Die Erreichbarkeit spielt für eine alternde Gesellschaft eine zunehmende Rolle. Ältere Menschen sind weniger mobil, müssen aber öfters einen Arzt besuchen.

Aus Rationalitätsgründen wäre jedoch die Konzentration des Angebotes sinnvoll.
All diese Faktoren werden einen finanziellen Mehraufwand verursachen, der die Sozialsysteme stark belasten wird.

Lösungsansätze
Auf eine wachsende Bevölkerung und den Ausbau der Kapazitäten sind die Planungssysteme eingestellt. Der Umgang mit einem möglichen Rückbau ist hingegen nicht erprobt. Dies wird besonders bei der Versorgung in ländlichen Gegenden Probleme bereiten.

Neue flexible und an die veränderten Anforderungen angepasste Konzepte müssen erprobt werden. Dazu zählen Versorgungszentren, in denen verschiedene ambulante Angebote konzentriert sind, Gemeindeschwestermodelle oder mobile Mediziner, die ihre Sprechstunden auf  mehrere Praxen verteilt anbieten sowie die Aufhebung der starren Trennung von stationären und ambulanten Anbietern.

Wichtig wird die Steigerung der Attraktivität von Berufen im Gesundheitswesen sein. Es müssen genügend qualifizierte Fachkräfte ausgebildet und attraktive Arbeitsbedingungen geboten werden, die eine Abwanderung des Personals verhindern.

In der Großregion bietet sich aber auch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit an. Dazu müssen die Planungen im Gesundheitssektor zukünftig besser miteinander abgestimmt werden.

Es existieren zahlreiche Vorschläge und Konzepte für die Anpassung des Gesundheitswesens an den demografischen Wandel.
 

Alterspyramiden der Bevölkerung 2007 und 1990
Quelle: IBA/OIE 2009, S. 17
external link pdf

Vorschläge und Initiativen zur zukünftigen Organisation des Gesundheitswesens Bevölkerung nach Altersgruppen 1990/2007
Quelle: IBA/OIE 2009, S. 16
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Grenzüberschreitende Auswirkungen
Die entgegengesetzten quantitativen Entwicklungen könnten zu einer Zunahme der grenzüberschreitenden Inanspruchnahme von Leistungen führen.

Überkapazitäten im Grenzraum könnten z.B. von der wachsenden luxemburgischen Bevölkerung genutzt werden.

Stationäre Einrichtungen könnten ihren Einzugsbereich über die Grenzen ausdehnen, um eine bessere Auslastung zu erreichen.

Die grenzüberschreitende Kooperation könnte bei der Lösung des Dilemmas der Unvereinbarkeit von Erreichbarkeit und Effizienz hilfreich sein.

Die räumliche Verteilung des Angebotes wird eine entscheidende Komponente einer guten Versorgung sein.

Die Nachfrage nach medizinischem Fachpersonal wird vermutlich insgesamt steigen. Die begehrten Kräfte - Ärzte wie Pflegepersonal - werden dort arbeiten, wo ihnen die besten Bedingungen geboten werden. Weniger attraktive Regionen könnten dann das Nachsehen haben.

Um solche negativen Folgen zu vermeiden und den kommenden Herausforderungen gut vorbereitet zu begegnen, ist die grenzüberschreitende Kommunikation und Koordination unabdinglich.

Bevölkerungsprognose gesamt für die Teilräume der Großregion
Quelle: Statistische Ämter der Großregion 2008

Bevölkerungsprognose der unter 20jährigen für die Teilräume der Großregion
Quelle: Statistische Ämter der Großregion 2008

Bevölkerungsprognose der ab 60jährigen für die Teilräume der Großregion
Quelle: Statistische Ämter der Großregion 2008

Quellen


Institut national de la statistique et des études économiques INSEE Lorraine

Institut wallon de l'évaluation, de la prospective et de la statistique

Statec Luxembourg

Statistisches Bundesamt Deutschland, Wiesbaden

Statistisches Amt des Saarlandes 2008: Bevölkerungsentwicklung im Saarland, Saarbrücken

Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz 2008: Statistisches Jahrbuch Rheinland-Pfalz 2008, Bad Ems.

Externe links 


Grenzüberschreitende Kooperation der statistischen Ämter der Großregion external link

IBA/OIE 2009: Die Arbeitsmarktsituation in der Großregion. 6. Bericht der Interregionalen Arbeitsmarktbeobachtungsstelle an den 11. Gipfel der Exekutive der Großregion external link pdf

Institut national de la statistique et des études économiques INSEE Lorraine external link

Institut wallon de l'évaluation, de la prospective et de la statistique external link

Statec Luxembourg: Population et emploi external link

Statistikportal der Großregion external link

Statistikportal der Großregion: Statistische Kurzinformationen 2008 external link

Statistisches Amt des Saarlandes external link

Statistisches Bundesamt Deutschland: Bevölkerung external link