Lothringen

Hochschulwesen in Lothringen

Wolfgang Bethscheider

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Das französische Hochschulwesen
Im Zuge der französischen Revolution waren die seit dem Mittelalter existierenden französischen Universitäten aufgelöst oder geschlossen worden. Parallel zu den unter Napoleon ab 1808 neu gegründeten Universitäten, die weiterhin in verschiedene Fakultäten gegliedert waren und ein breiteres Fächerspektrum anboten, wurden Hochschulen eines neuen Typs geschaffen, deren Ausbildung sich meist auf ein einziges oder wenige eng verwandte Fächer beschränkte und dem Staat kompetente und loyale Fachbeamte liefern sollte.

So unterscheidet das französische Hochschulwesen heute grundsätzlich zwei Systeme: auf der einen Seite die allgemein zugänglichen Universitäten mit den mit Abstand meisten Studenten, zu denen alle Abiturienten ohne Vorauswahl zugangsberechtigt sind (nur in Medizin findet eine Auslese nach dem 1. Jahr statt), und auf der anderen Seite die Einrichtungen mit Zugangsbeschränkung, bei denen die Aufnahme über Auswahlverfahren, Prüfungen (Concours), Bewerbungsunterlagen und gegebenenfalls Bewerbungsgespräche erfolgt.

Karte: Hochschulwesen

Karte: Hochschulwesen

Wolfgang Bethscheider, Saarbrücken

Université de Nancy II, Palais de l'Université, Faculté de Droit, place Carnot
Quelle: M. Baronnet,
GDFL external link

Ein Auswahlsystem nutzen etwa die Institute für Politologie (Instituts d’Etudes Politiques, IEP), die Ingenieur- und Handelsschulen, die technischen Fachhochschulen (Instituts Universitaires de Technologie, IUT), die berufsorientierten Fachhochschulen (Instituts Universitaires Professionnalisés, IUP) und die Ingenieur- und Handelsschulen sowie die Einrichtungen mit Zugang nach einem bereits abgeschlossenen Studium wie die sog. "Grandes Ecoles" (Ecole Nationale d’Administration, Ecole Nationale Supérieure und Polytechnique).

Diese nur beschränkt zugänglichen Einrichtungen bilden hauptsächlich höhere und mittlere Führungskräfte für den Staat und die Unternehmen aus. Einige von Ihnen, besonders die ältesten, haben einen hervorragenden Ruf als Eliteinstitutionen, der praktisch eine Jobgarantie darstellen kann, und sind finanziell und infrastrukturell erheblich besser ausgestattet als die im Allgemeinen weniger respektierten Universitäten.

An den Eliteinstitutionen, auf die die Schüler an den besten Gymnasien zum Teil in speziellen Vorbereitungsklassen (classes préparatoires aux grandes écoles, CPGE) vorbereitet werden, kommt es auch zu einer deutlichen sozialen Auslese.

Während an den Universitäten vor allem Grundlagenwissen und gegebenenfalls eine Spezialisierung vermittelt wird, bilden die renommiertesten Grandes Ecoles eher Generalisten aus, die über gewisse Fachkenntnisse, aber vor allem über Führungsqualitäten verfügen. So ist für den Zugang zu den höheren Posten in Staat und Wirtschaft der Abschluss einer renommierten Grande Ecole quasi Voraussetzung, während das studierte Fach häufig eher zweitrangig ist.

Die Grandes Ecoles unterstehen meist nicht dem Bildungsministerium, sondern Fachministerien. Kritisiert wird an ihnen der traditionell eher geringe Stellenwert der Forschung und damit das Fehlen einer Verbindung von Forschung und Lehre (Ursak 2007, Ministère des Affaires étrangères 2007).

Die Hochschullandschaft in Lothringen
Lothringen (2 339 000 Einwohner 2006) hat rund 77 000 Studierende. Es gibt zahlreiche Hochschulen, darunter die drei Universitäten in Nancy (UHP - Université Henri Poincaré Nancy I mit 10 300 Studierenden, Université Nancy II mit 15 800 Studierenden) und in Metz (UPV - Université Paul Verlaine mit 10 800 Studierenden). Diese unterhalten mehrere Außenstellen in kleineren Städten Lothringens, z.B. in Epinal, Longwy, Thionville, Bar-le-Duc, Sarreguemines, Lunéville und Saint-Dié.

Übersicht über das französische Hochschulsystem
Quelle: Eurydice

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1) Institut Régional d'Administration de Metz (IRA)
Foto: © IRA

2) Institut Universitaire de Technologie Longwy (IUT/UHP)
Foto:
© IUT

Weiterhin sind einige Grandes Ecoles in Lothringen ansässig. Insbesondere die ab 1971 im Institut National Polytechnique de Lorraine INPL external link in Nancy zusammengefassten Ingenieurhochschulen genießen teilweise einen hervorragenden Ruf in Frankreich.

Dazu gehören die Nationale Hochschule für Agronomie und Nahrungsmittelindustrie (ENSAIA) mit 500, die Nationale Hochschule für Elektrizität und Mechanik (ENSEM) mit 360, die Nationale Hochschule für Geologie (ENSG) mit 340, die Nationale Hochschule für chemische Industrie (ENSIC) mit 300 sowie die Nationale Bergbau- und Ingenieurhochschule (ENSMN) mit rund 600 Studierenden, seit 1991 die Europäische Ingenieur-Hochschule für Werkstofftechnik (EEIGM) mit 270 Studierenden und schließlich seit 1993 auch die Nationale Hochschule für Industriesystemtechnik (ENSGSI) mit 300 Studenten.

Die INPL-Institute haben alle ihren Sitz in Nancy, verfügen aber über zahlreiche Außenstellen. Im Juli 2001 schloss sich das INPL mit den beiden Universitäten in Nancy zum Hochschulverbund Nancy-Université zusammen.

Seit dem Jahr 2000 unterhält das renommierte politikwissenschaftliche Institut d'Etudes Politiques de Paris "SciencesPo" external link eine Filiale für das Bachelorstudium in Lothringen, den deutsch-französich ausgerichteten Campus européen franco-allemand à Nancy, an dem über 200 Studierende eingeschrieben sind.

Das IEP gilt als Vorstufe zur elitären Verwaltungshochschule Ecole Nationale d'administration (ENA) external link und bereitet auf den Concours der inzwischen in Straßburg ansässigen ENA external link vor.

Die ICN Business School Nancy Metz external link mit 2 200 Studierenden verfügt über zwei Standorte in Nancy und Metz.

In Metz ansässig sind ferner die Ecole Nationale d'Ingénieurs de Metz (ENIM, 900 Studierende) sowie das Georgia Institute of Technology GT-Lorraine external link, die Ecole Supérieure Internationale de Commerce de Metz, die Ecole Supérieure d'Ingénieurs des Travaux de la Construction, die Ecole Supérieure d'Electricité und das Institut Régional d'Administration de Metz mit jeweils um 200 Studierenden.  

An Kunsthochschulen gibt es in Nancy die Ecole Nationale Supérieure d'Art de Nancy (ENSAN), und in Metz und Epinal die Ecole Supérieure d’Art de Lorraine, ESAL, eine inzwischen von den Städten unabhängige Hochschule, die 2011 hervorging aus einer Fusion der städtischen Hochschulen Ecole Supérieure d'Art de Metz Métropole (ESAMM) und Ecole Supérieure d'Art d'Epinal (E.S.A.E).

In Epinal ist auch die zur Universität Nancy I gehörige Hochschule für Holztechnologien und Holzwirtschaft (ENSTIB) angesiedelt (1 300 Studierende).

Ecole des Beaux-Arts, Nancy
Foto: Ji-Elle

Quellen


Ursak, V. 2007: Gegenüberstellung des französischen und des deutschen Hochschulsystems

Externe links 


Conférence des Grandes Ecoles: Grandes Ecoles membres external link

Directory of top European Universities and Colleges external link

Ecole Nationale d'administratio (ENA) external link 

Georgia Institute of Technology GT-Lorraine external link

Großregion: Hochschulwesen und Forschung in der Großregion external link pdf

ICN Business School Nancy Metz external link

Informations- und Dokumentationszentrums für das Studium in Frankreich (CIDU) der französischen Botschaft in Berlin: Studieren in Frankreich external link

Institut d'Etudes Politiques de Paris "SciencesPo" external link

Institut National Polytechnique de Lorraine INPL external link

Konsortium Wissenschaft trifft Schule external link

Ministère des Affaires étrangères 2007: La France à la loupe - Das französische Bildungssystem external link pdf

Ministère de l’enseignement supérieur et de la recherche external link

Ministère de l'éducation nationale: Infocentre external link

Ministère de l’enseignement supérieur et de la recherche: Formations professionnelles external link

Ministère de l’enseignement supérieur et de la recherche: Les publications external link

Quattropole-Hochschulkonferenz external link

Universität der Großregion external link  

Universität der Großregion: Die Universität innerhalb des Hochschulwesens in Frankreich external link

Ursak, V. 2007: Gegenüberstellung des französischen und des deutschen Hochschulsystems external link