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Wahrnehmung der Großregion in den Medien

Patrick Wiermer

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Methodik
Die Terminologie der Klassifizierung nach Nachrichtenzentrum und Nachrichtenperipherie und die Kodierungen der Analyse orientieren sich an Klaus Kamps' Studie zur Nachrichtengeografie.

Die thematischen Klassifizierungsfelder richten sich nach den klassischen "Daseinsgrundfunktionen", das Konzept der Störungen ist an Caroline Herrmanns lebensweltliche Analyse von Tageszeitungen entlehnt.

Störungen sind dabei kurz gefasst als Ereignisse anzusehen, an denen die Nutzer von Nachrichten (Leser) ihre eigene Lebenswelt in ein Gleichgewicht bringen. Störungen helfen dem Leser gewissermaßen sein eigenes Weltbild "gerade zu rücken" und dienen damit der moralischen Orientierung.

Karte: Wahrnehmung der Großregion in den Medien

Wahrnehmung in den Medien

Patrick Wiermer, Saarbrücken

Neben regelrechten Texten, worunter alle Artikel (außer Termine/Ergebnisse) fallen, wurden unter der Bezeichnung "Termine/Ergebnisse" alle Kurzmeldungen (in der Regel Sportergebnisse und Kurzankündigungen) über die einzelnen Orte gesammelt.

Es wird zudem zwischen "Nennungen" (Frequenz der Nennung eines Ortsnamens) und "Meldungen" (Anzahl der Beiträge/Artikel) unterschieden.

Verteilung der Meldungen in den Themenfeldern bei den meist genannten Städten in der Gesamtauswertung
Quelle: Eigene Analyse

Auswahl der Analyse-Ebene
Um ein flächendeckendes Bild der Großregion zu erhalten, wurden nicht zu große (etwa Städte über 10 000 Einwohner) und nicht zu kleine Einheiten (Ortsgemeinden, Dörfer etc.) ausgewählt: die Gemeinden.

Die administrativen Unterschiede etwa zwischen Frankreich und Rheinland-Pfalz wurden durch die Wahl von Orten mit vergleichbarer Einwohnerstärke und zentralörtlicher Bedeutung ausgeglichen.

Untersucht wurden im Saarland 52 Gemeinden, in Luxemburg 116 Gemeinden, in Wallonien 253 und in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Walloniens 9 Gemeinden, in Rheinland-Pfalz 161 Hauptorte von Verbandsgemeinden sowie in Lothringen 140 Chef-lieux der Arrondissements.

Diese Orte wurden in den Archiven auch nach ihrer fremdsprachigen Bezeichnung gesucht (Beispiel: Bascharage, Nidderkäerjeng, Niederkerschen).

Zentren und Peripherien
In Anlehnung an Klaus Kamps' Nachrichtengeografie kann man zwischen Nachrichten-zentrum und Nachrichtenperipherie unterscheiden. Nachrichtenzentren sind durch eine hohe Themenbreite sowie eine hohe Frequenz von Nennungen und Meldungen gekennzeichnet.

Im Gegensatz dazu verzeichnet die Peripherie eine geringe Frequenz, wenige Themen (oftmals Schwerpunktthemen) und einen hohen Anteil an Meldungen aus den Bereichen Sport, Erholung und Störungen. In diesen Kategorien gibt es besondere, zum Teil unregelmäßige Anlässe zur Berichterstattung.

Die Entscheidung, in diesem Fall über einen Ort zu berichten, ist weitestgehend unabhängig von der räumlichen Nähe des Geschehnisses. Die Studie fasst daher Termine/Ergebnisse, Erholung/Freizeit und Sport unter dem Begriff "Service" zusammen – damit kann die Nachrichtenperipherie recht genau bestimmt werden. 

Ergebnisse
Die Ergebnisse der Analyse zeigen ein heterogenes Bild der Großregion. In der Summe aller Daten zeigt sich, dass zwar alle Kreise bzw. Bezirke der Großregion zumindest einmal in einer der untersuchten Zeitungen genannt wurden, andererseits gibt es deutliche Häufungen im Grenzbereich zwischen Arlon und Pirmasens.

Das betrifft sowohl die absolute Häufigkeit der Meldungen als auch das Themenspektrum. Dies ist nicht überraschend, handelt es sich hier doch um die Kernregion von Saar-Lor-Lux mit den stärksten Verflechtungen zwischen den verschiedenen Regionen.

Auf der anderen Seite bildet sich aber auch eine Nachrichtenperipherie heraus, die nicht mehr Teil einer flächendeckenden Berichterstattung ist. Diese vernachlässigten Regionen liegen einfach formuliert nord-westlich von Arlon, nördlich von Luxemburg-Stadt, östlich einer Linie zwischen Trier und Pirmasens und südlich von Nancy. 

Dies sind auf der einen Seite dünner besiedelte Gebiete. Andererseits gibt es hier aber auch sprachliche (deutschsprachiges und frankophones Lothringen), kulturelle (Ardennen und Eifel) und wirtschaftliche Barrieren (relative Armut und geringes Arbeitsplatzangebot Walloniens).

Die wallonische Zeitung "Le Soir" richtet sich an die französischsprechende Bevölkerung Belgiens.
Quelle:Le Soir

Zusätzlich entstehen in der Peripherie Nachrichtenpole, die oft in Meldungen im Zeitungsmantel erwähnt werden. Diese meist zentralen Verwaltungs- und Gerichtsorte (Mainz, Koblenz, Namur) liefern besonders viele Nennungen im Bereich Soziales/Lokalpolitik oder Gerichts-/Streitfälle.

Die Analyse der einzelnen Zeitungen liefert ein komplexes Bild. Man kann vereinfacht unterscheiden: Starke lokale, aber schwache ganzheitliche Wahrnehmung der Großregion beim "Républicain Lorrain", eine stark auf die Nachrichtenzentren fixierte Berichterstattung beim "Luxemburger Wort", eine starke teilregionale Fixierung beim "Grenz-Echo", eine schwache Inklusion der Großregion bei "Le Soir".

Verteilung der Gesamtnennungen auf die einzelnen Zeitungen.
Quelle: Eigene Analyse

Die "Saarbrücker Zeitung" und der "Trierische Volksfreund" bieten eine "gemischte" Wahrnehmung: Nachrichtenpole überwiegen, in unregelmäßigen Abständen wird über Ereignisse unmittelbar (!) hinter der Grenze berichtet, während das frankophone Ausland nahezu vollständig ausgeklammert wird.

Bei letzterem spielen mangelnde Französischkenntnisse in den Redaktionen, fehlende "Manpower" (Korrespondenten und freie Mitarbeiter) sowie eine schlechte Nachrichtenversorgung über Agenturen, Presseverteiler etc. sowie vermutetes mangelndes Leserinteresse eine Rolle.

Die "Saarbrücker Zeitung" berichtet stark über Teile des Verbreitungsgebiets des "Trierischen Volksfreunds" – und umgekehrt. Beide Zeitungen sind redaktionell und verlagswirtschaftlich verknüpft.

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Quellen


Dünne, J. / Günzel, S. (Hrsg.): Raumtheorie, Frankfurt 2006.

Hedinger, V. / Weiland, A.: Radio an der Grenze. Die grenzüberschreitenden Programmleistungen von Radio Salü, Radio Melodie und Studio 1, Berlin 1998.

Herrmann, C.: Im Dienst der örtlichen Lebenswelt – lokale Presse im ländlichen Raum, Opladen 1993.

Kamps, K.: Nachrichtengeographie – Themen, Strukturen, Darstellung: ein Vergleich in: Kamps, K/ Meckel, M.: Fernsehnachrichten – Prozesse, Strukturen, Funktionen, Wiesbaden 1998, S.275 – 295.

Kamps, K: Politik in Fernsehnachrichten – Struktur und Präsentation internationaler Ereignisse. Ein Vergleich, Baden-Baden 1999.

Klüter, H.: Raum als Objekt menschlicher Wahrnehmung und Raum als Objekt sozialer Kommunikation in: Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft (1994), S.143-178.

Merten, K /Schmidt S.J. / Weischenberg, S. (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien, Opladen 1994.

Riedel, H.: Wahrnehmung von Grenzen und Grenzräumen. Eine kulturpsychologisch-geographische Untersuchung im saarländisch-lothringischen Raum, Saarbrücken 1994. 

Schmidt, R.: Grenzüberschreitende Publizistik in Rundfunk, Tagespresse und Zeitschriften der Grossregion Saarland- Westpfalz- Lothringen-Luxemburg-Trier. Spiegel und Motor der Zusammenarbeit, Darmstadt 1978.

Treinen, H.: Symbolische Ortsbezogenheit: eine soziologische Untersuchung zum Heimatproblem in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 17 (1), Köln 1965, S.73-97.

Zur Nieden, P. (Hrsg.): Wahrnehmung von Nachbarschaft in der Großregion SaarLorLux durch Bürger und lokale Medien am Beispiel von QuattroPole – Ergebnisse einer Studie von Geografie-Studenten unter der Leitung von Peter zur Nieden, Trier 2007.

Externe Links


Zur Nieden, P. (Hrsg.): Wahrnehmung von Nachbarschaft in der Großregion SaarLorLux durch Bürger und lokale Medien am Beispiel von QuattroPole external link pdf

Saarbrücker Zeitung external link

Luxemburger Wort external link

Trierischer Volksfreund external link

Grenz-Echo external link

Le Soir external link