Wallonie

Internationale Migranten und Migration in Wallonien

Birte Nienaber, Ursula Roos



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Wallonien weist in den vergangenen Jahren einen positiven Wanderungssaldo auf, der sowohl auf Binnen- sowie auf Außenwanderungen zurückzuführen ist. Dieser fiel mit 21 886 Personen im Jahr 2010 am größten aus (s. 1. Abb.). Während 1996 der Saldo bei 3 887 lag, erhöhte sich die Zahl der Zuwanderungen innerhalb kurzer Zeit so stark, dass sich dieser innerhalb von fünf Jahren zwischen 2000 und 2005 mehr als verdreifachte und auf 15 280 Personen anstieg.

In den Jahren 2009 und 2010 wurden mit 18 494 beziehungsweise 21 886 Personen weiterhin steigende Wanderungssalden beobachtet (vgl. IWEPS o.J.a). Die großen Wanderungsgewinne der vergangenen Jahren wurden vor allem durch internationale Zuwanderer aus den Nachbarländern sowie in geringerem Maße durch die Zuwanderung aus östlichen und südlichen Ländern hervorgerufen (vgl. Bottieau & Eggerickx 2011, S. 13). 

Am 01. Januar 2008 verzeichnete Wallonien einen Ausländeranteil von 9,3 %, was 322 035 Personen mit ausländischer Herkunft entspricht. Besonders hoch lag mit 11,2 % der Ausländeranteil in der Provinz Hennegau, gefolgt von den Provinzen Lüttich mit 10,4 sowie Wallonisch-Brabant mit 8,6 %. Vergleichsweise geringe Zahlen ausländischer Bevölkerung verzeichneten mit 14 830 beziehungsweise 19 868 Personen die beiden Provinzen Luxembourg und Namur, deren Ausländeranteile bei 5,6 beziehungsweise 4,3 % lagen (vgl. IWEPS o.J.b).

Karte: Internationale Migranten und Migration

Migration

Birte Nienaber, Ursula Roos, Universität des Saarlandes

Während frühere Einwanderer vor allen aus Italien, Frankreich, Marokko und der Türkei kamen, ist die Verteilung hinsichtlich der Herkunftsländer heute vielseitiger. Aus diesem Grund wird für den Zeitraum von 1991 bis 1996 von einer mosaikhaften Entwicklung der Staatsangehörigkeiten gesprochen (vgl. Eggerickx, Poulain & Kesteloot 2002, S. 21).

Wird die ausländische Bevölkerung Walloniens hinsichtlich der Herkunftsländer differenziert, stellte Italien im Jahr 2008 mit 119 760 Personen das Hauptherkunftsland. Insgesamt kamen rund 84 % der ausländischen Bevölkerung aus europäischen Ländern. Weiterhin lebten 65 603 französische, 17 234 deutsche, 14 170 marokkanische und 13 052 spanische Staatsbürger in der Region. In einem geringeren Maße waren aber unter anderem auch Personen aus der Türkei, den Niederlanden, Portugal, Polen und Luxemburg sowie aus Algerien und der Demokratischen Republik Kongo vertreten (vgl. IWEPS o.J.b).

Die ausländische Bevölkerung, die derzeit nach Belgien zieht, konzentriert sich zunächst in der Regel auf die Region Brüssel. Erst zu einem späteren Zeitpunkt verteilt sie sich auf verschiedene Regionen. Dennoch zeigen sich abhängig von den Staatsangehörigkeiten unterschiedliche Siedungsmuster (vgl. Bottieau & Eggerickx 2011, S. 14). So lebten beispielsweise in der Provinz Hennegau im Jahr 2008 67 532 Personen italienischer Staatsangehörigkeit, was mehr als der Hälfte aller in Wallonien lebenden Italiener entspricht (s. 2. Abb.).  

Entwicklung des wallonischen Wanderungssaldos 1996-2010 (absolute Zahlen)
Datengrundlage: IWEPS o.J.a

Aufgrund der Grenznähe zu Frankreich war ebenfalls der Anteil der französischen Bevölkerung hoch. Weitere zahlenmäßig große Gruppen stellten Personen aus der Türkei, Marokko, der Demokratischen Republik Kongo sowie aus Algerien dar.

Trotz der zentralen Lage der Provinz Wallonisch-Brabant innerhalb Belgiens besitzt der Großteil der ausländischen Bevölkerung die französische Staatsangehörigkeit. Zusätzlich waren beispielsweise Personen italienischer, portugiesischer und marokkanischer Herkunft sowie Personen aus dem Vereinigten Königreich registriert (vgl. IWEPS o.J.b).

Hinsichtlich der räumlichen Verteilung der Personen ausländischer Staatsangehörigkeit kommt in Wallonien den beiden Städten Charleroi und Lüttich besondere Bedeutung zu. Als industrielle Arbeiterstadt wird Charleroi seit Beginn der Industrialisierung durch starke Arbeitsmigration geprägt.

Zunächst zogen wallonische und flämische Bauern zu, dann Franzosen und ab 1920 Osteuropäer sowie die ersten Arbeiter aus Italien. Nach dem 2. Weltkrieg folgten Südeuropäer und Personen aus der Türkei beziehungsweise Marokko. Griechische Arbeitnehmer waren die ersten, die eine Anstellung außerhalb des kohle- und metallverarbeitenden Sektors wie beispielsweise im Handel suchten.

Insgesamt umfasst die urbane Region sechs unterschiedliche Nationalitäten, wobei italienisch mit 10 % der Bevölkerung die Hauptstaatsangehörigkeit bildet, gefolgt von Personen aus Frankreich, Griechenland, Marokko, Spanien und der Türkei. Der Großteil der ausländischen Bevölkerung lebt im urbanen Ballungsgebiet von Charleroi, wobei die Ansiedlung auf die Industrie und in besonderem Maße auf ehemalige Kohlebergwerke in der Region zurückzuführen ist. In wohlhabenderen, bevölkerungsärmeren sowie kleineren Gemeinden nahe der französischen Grenze hat sich vorwiegend die französische Bevölkerung niedergelassen (vgl. Eggerickx, Poulain & Kesteloot 2002, S. 182-187).

Im Gegensatz zu Charleroi entwickelte sich Lüttich seit der Römerzeit und bildete im Mittelalter ein wichtiges politisches und kulturelles Zentrum. Nach dem 2. Weltkrieg wurden auch hier in großem Rahmen ausländische Arbeitnehmer türkischer sowie marokkanischer Abstammung vor allem für Bergwerke und die Metallverarbeitung angeworben. Ähnlich wie in Charleroi bilden Personen aus Italien die stärkste Gruppe, dahinter die Herkunftsländer Spanien, Marokko, Türkei, Griechenland sowie die Nachbarländer Niederlande, Frankreich und Deutschland.

Während die Niederländer in den ländlichen Gemeinden an der Grenze zu den Niederlanden leben, wohnt die französische Bevölkerung eher im urbanen Bereich. Die Personen aus Marokko beziehungsweise der Türkei haben sich in Lüttich selbst oder in den ehemaligen Bergwerksstädten niedergelassen (vgl. Eggerickx, Poulain & Kesteloot 2002, S. 187-193).

Die belgische Immigrationspolitik hat sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst aus wirtschaftlichen Motiven herausgebildet. Vordergründig handelte es sich um männliche Arbeiter, die durch Anwerbung aus den Bereichen Metall, Industrie und Kohle oder aufgrund bilateraler Verträge, wie es beispielsweise nach dem Krieg mit Italien der Fall war, nach Belgien kamen (vgl. Manço o.J.). Aufgrund der starken Immigration aus Italien wird der Zeitraum von 1947 bis 1956 als „italienisches Jahrzehnt“ bezeichnet (vgl. Eggerickx, Poulain & Kesteloot 2002, S. 15).

Zunächst war keine Familienzusammenführung vorgesehen, dennoch stellten im Jahr 2000 mit mehr als 300 000 Personen die Nachkommen der ersten italienischen Migranten die größte Gruppe unter den Personen ausländischer Staatsangehörigkeit, die vor allem in Wallonien beheimatet ist.

Im Jahr 1964 folgte der Abschluss des Einwanderungsvertrags mit Marokko sowie im Jahr 1965 mit der Türkei. Sowohl bei den maghrebinischen als auch bei den türkischen Einwanderern war von Beginn an eine Zuwanderung mit den Familien geplant. Im Hinblick auf die Ölkrise sowie die Krise auf dem Arbeitsmarkt wurde 1974 beschlossen, keine Einwanderer mehr ins Land zu lassen (vgl. Manço o.J.).

Seit Ende der 1980er Jahre wurde die Integrationspolitik geplant und koordiniert. Dies fällt ebenfalls mit den ersten großen Protesten in Brüssel zusammen, in die maghrebinische Jugendliche eingebunden waren.

Verteilung der ausländischen Wohnbevölkerung in Wallonien nach Staatsangehörigkeit am 01.01.2008
Datengrundlage IWEPS o.J.b
 

Aus diesem Grund ist das Commissariat Royal à la Politique des Immigrés mit der Aufgabe betraut worden, dem Staat bei der Identifikation und Definition der Probleme zur Herausbildung einer positiven Integrationspolitik zu helfen. Des Weiteren begann in den 1980er Jahren die Einwanderungspolitik Wirkung zu zeigen.

Im Jahr 1996 erließ Wallonien ein Gesetz, welches die Integration ausländischer Personen festlegt. Hauptprinzip dieser Politik ist die Schaffung regionaler Zentren zur Integration von Migranten. Sie sollen Aktivitäten zur Zusammenarbeit und Motivation entwickeln sowie einen Rahmen zur Bewertung regionaler und lokaler Projekte der sozialen und beruflichen Integration der ausländischen Bevölkerung in Wallonien schaffen. Seit 1997 haben sechs Zentren eine regionale Politik zugunsten der sozioprofessionellen Insertion der Personen ausländischer Staatsangehörigkeit entwickelt, welche sie gemeinsam mit zahlreichen Organisationen und Forschungseinrichtungen der Region durchführen (vgl. Manço o.J.).

Aufgrund der klaren Beziehungen Frankreichs zu den Ländern Nordafrikas hat sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die maghrebinische Bevölkerung entlang der Grenze zu Frankreich niedergelassen. Nach 1960 warb Belgien gezielt in den nordafrikanischen Ländern um ausländische Arbeitnehmer. So wurde 1962 das erste belgische Rekrutierungsbüro in Casablanca eröffnet. Die belgischen Einrichtungen in Marokko spielten eine wichtige Rolle, um den Aufruf belgischer Arbeitnehmer zur Arbeit im Königreich zu verbreiten.

Ganz offiziell lud eine Broschüre mit dem Titel „Leben und Arbeiten in Belgien“ die maghrebinischen Arbeiter ein, sich mit ihren Familien in Belgien niederzulassen. Auf diese Weise kamen zwischen 1961 und 1977 mehr als 100 000 Maghrebiner, darunter 85 % Marokkaner nach Belgien.

95 % der Personen stammten aus ländlichen Gegenden und zählten zu der Kategorie der unqualifizierten Arbeitskräfte. Die Anziehungspunkte in Belgien waren vor allem die großen urbanen Zentren, darunter Brüssel und in Wallonien Lüttich sowie in einem geringeren Maße Charleroi.

Da sich diese Gruppe nicht definitiv für eine Rückwanderung in ihr Ursprungsland nach der Krise des Jahres 1974 sowie dem Anwerbestopp entschied, hat sich die Diskussion über Immigration seit Beginn der 1980er Jahre verändert. So haben die Begriffe Integration und Kohabitation die Vorstellung der Aufnahme von Arbeitern ersetzt.

Dennoch konnte eine Veränderung der öffentlichen Meinung beobachtet werden, da sich immer weniger Personen Immigration wünschen und akzeptieren. Die Zahl der Personen nordafrikanischer Herkunft lag im Jahr 1998 bei 35 000, darunter über 6 000 Personen in Lüttich und 5 000 in Charleroi (vgl. Manço o.J.).

Eine weitere wichtige Migrantengruppe stellen die Personen aus der Türkei dar. Bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert ist die türkische Bevölkerung im Königreich präsent, wobei deren Zahl sich im Zuge des 2. Weltkriegs deutlich reduziert hat. Die nach dem Krieg verbleibenden Personen waren überwiegend Kaufleute, Diplomaten sowie Studierende und Flüchtlinge aus verschiedenen Gemeinden der Türkei.

Ab 1961 wurden erneut Wanderungsbewegungen beobachtet, die auf Arbeitsmigration zurückzuführen sind und bis 1974 zusätzlich an Bedeutung gewannen. Das zahlenmäßige Wachstum der türkischen Bevölkerung seit 1975 wurde vor allem durch die Ankunft der Frauen im Rahmen der Familienzusammenführung sowie einer Steigerung der Geburtenrate hervorgerufen.

Die höchste Zahl türkischer Staatsangehöriger wurde in Belgien im Frühjahr 1990 mit 88 000 Personen erreicht, ehe die Zahlen aufgrund von Einbürgerungen rückläufig waren. Im Jahr 2000 lebten mehr als 126 000 Menschen türkischer Herkunft in Belgien, darunter war fast die Hälfte eingebürgert. Etwa ein Viertel davon lebt in Wallonien, zwischen Borinage, Charleroi und Lüttich.

Es haben sich kleine türkische Gemeinden in den suburbanen Gegenden wie beispielsweise der Provinz Luxemburg herausgebildet. Diese sind von besonderer Bedeutung, da sich ein großer Teil der Personen türkischer Staatsangehörigkeit in den Gemeinden oder isolierten Gegenden, die sich um die ehemaligen Zechen gebildet haben, niedergelassen hat. Selbst in den großen Städten, wie Charleroi, lebt die türkische Bevölkerung eher in „ihren“ Gemeinschaften konzentriert (vgl. Manço o.J.).

Von Bedeutung sind ebenfalls die Zuwanderungen aus afrikanischen Ländern. Dabei ist die Darstellung der in Wallonien lebenden afrikanischen Bevölkerung sehr schwierig, da diese Gruppe zum einen noch kaum erforscht ist und zum anderen häufig zur Gruppe der Ausländer nichteuropäischer Staaten zählt. Nach Angabe des Nationalen Instituts für Statistik hatten sich vor 1920 lediglich 12 Afrikaner in Wallonien und 7 im Brabant angesiedelt. Diese waren überwiegend männliche Kongolesen.

Insgesamt lebten 1920 erst 172 Personen afrikanischer Herkunft in Belgien, deren Zahl bereits bis 1930 auf 1 732 und im Jahr 1940 auf 1 848 Personen anstieg. Nach der Volkszählung von 1961 lebten 1 184 der 3 242 in Belgien lebenden Afrikaner in Wallonien.

Diese Zahl erhöhte sich im Zeitraum von 1961 bis 1990 deutlich. So stieg sie auf 2 379 Personen im Jahr 1970, auf 4 039 im Jahr 1981 und 6 769 im Jahr 1990. Seit 1990 wird die Zahl der Afrikaner in Belgien und Wallonien durch verschiedene Faktoren sowie die Einbürgerung bestimmt, weshalb sich die Zunahme verlangsamt hat.

Anfang des 21. Jahrhunderts lebten demnach 7 500 Afrikaner in Wallonien und durch die aktuelle Legalisierung von illegalen Einwanderern konnte sich die Zahl verdoppeln. Der Zuzug dieser Personengruppe ist nicht in der Arbeitsmigration begründet, sondern in erster Linie durch wirtschaftliche und koloniale Beziehungen.

Die Beweggründe einzelner Personen nach Belgien beziehungsweise Wallonien zu kommen, sind vielfältig. Während in den 1960er Jahren vorwiegend afrikanische Studenten zuzogen, haben sich die Motive im Laufe der Zeit diversifiziert. So kamen unter anderem Diplomaten, Asylbewerber und Geschäftsleute.

Insgesamt stammt die afrikanische Bevölkerung in Wallonien aus 30 verschiedenen afrikanischen Ländern. Dennoch kommen mehr als 60 % aus der Demokratischen Republik Kongo, Ruanda oder Burundi, wobei dies auf die kolonialen Verbindungen zurückzuführen ist.

Die Verteilung der Personengruppe nach Staatsangehörigkeit differiert in den einzelnen Regionen Belgiens nicht. Werden die Wohnorte betrachtet, zeigt sich, dass die afrikanische Bevölkerung in allen Provinzen Walloniens lebt. Der größte Teil wohnt in den Provinzen Lüttich, Wallonisch-Brabant und in Hennegau (vgl. Manço o.J.).

Wie in allen anderen Regionen der Großregion spielen auch in Belgien die Grenzgänger eine wichtige Rolle. So lassen sich vermehrt Deutsche, Franzosen sowie Luxemburger und Niederländer in den jeweils grenznah zum Herkunftsland gelegenen belgischen Regionen nieder. Begründet werden diese Wanderungsbewegungen unter anderem durch steuerliche Vorteile, aber auch Unterschieden bei den Immobilienpreisen sowie der Wohnumgebung (vgl. Bottieau & Eggerickx 2011, S. 14).