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Kirchenbau im 20. Jahrhundert

Stephan Brakensiek und Georg Schelbert



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Zur Geschichte des Kirchenbaus in der Großregion
Im 19. Jahrhundert, an dessen Anfang durchgreifende Veränderungen der kirchlichen Organisationsstruktur stehen (Konkordat von 1801 für Frankreich, Einrichtung des Bistums Speyer in den Grenzen des Bayerischen Rheinkreises 1817, Zirkumskriptionsbulle von 1821 für die preußischen Gebiete, Errichtung eines Vikariats bzw. Bistums Luxemburg 1840), wurden im gesamten Untersuchungsgebiet zahlreiche Pfarrkirchen neu errichtet.

Grund war ein allgemeines Bevölkerungswachstum sowohl auf dem Land als auch in Städten, das eine dichtere Versorgung mit Pfarreien notwendig machte. Architekten wie der Koblenzer Bauinspektor Johann Claudius von Lassaulx (Koblenz 1781-1848) oder der luxemburgische Staatsarchitekt Charles Arendt (Vianden 1825-1910) errichteten zahlreiche Pfarr- und Filialkirchen auf dem Land.

In den Städten entstanden große Bauten für neu angelegte Viertel, die teils von den zuständigen Dombaumeistern oder von renommierten akademischen Architekten errichtet wurden.

Karte: Kirchenbau im 20. Jahrhundert

Kirchenbau im 20. Jahrhundert

Stephan Brakensiek und Georg Schelbert, Universität Trier

Montigny-les-Metz, Protestantische Kirche
Foto: G. Schelbert

1900-1918
Die intensive Bautätigkeit hielt im "langen 19. Jahrhundert" bis zum ersten Weltkrieg an und steigerte sich sogar bis zuletzt in Anspruch und Umfang. Das betraf besonders die industrialisierten Gebiete, wie die Städte am Rhein, das Saarland und Lothringen.

Die Lothringer Industrieregionen gehörten zum Deutschen Reich und waren von entsprechenden Bauten geprägt. Hier entstanden durch den Zuzug von deutschen Protestanten auch viele protestantische Kirchen.

1918-1939
Das Wachstum der Bevölkerung setzte sich in den Industrieregionen auch nach dem ersten Weltkrieg fort, was sich insbesondere im Saarland, in Lothringen und in Luxemburg auch in Neubauten von Kirchen niederschlug. Dabei suchte man, auch bedingt durch wirtschaftliche Notwendigkeit, oft nicht mehr historistische, sondern modernere Formen. Allerdings gibt es hiervon viele Ausnahmen.

So entstanden im östlichen Belgien in den Gebieten um Lüttich und Eupen in der Folge der Zerstörungen im Ersten Weltkrieg viele Neubauten, die sich – als Ausdruck der deutschen Sprachmehrheit – noch in ganz historistischer Manier an der rheinischen Romanik orientierten, während gleichzeitig etwa in Köln oder Aachen selbst modernste Bauten entstanden.

Andere belgische Bauten (Lüttich, St. Vincent, Sacré Coeur; Charleroi, St. Christophe) folgen ebenfalls noch lange nach dem Beginn des Jahrhunderts einem dort beliebten neobyzantinisch orientierten Kuppeltypus.

In Deutschland, wo der Erste Weltkrieg einen größeren gesellschaftlichen und kulturellen Bruch herbeiführte als anderswo, finden sich die meisten Ansätze, die die Kirchenarchitektur sowohl hinsichtlich der Raumformen als auch der Stilformen und Materialien neu revolutionieren.

Die räumlichen Schwerpunkte lagen dabei in den großen Städten an Rhein und Ruhr (Stahlkirche für die Pressa-Messe Köln und Essen, ev. Auferstehungskirche, beide Otto Bartning 1928; Köln, St. Engelbert, Dominikus Böhm, 1930; Aachen, St. Fronleichnam, 1930), auch wenn es Beispiele im rheinland-pfälzischen Teil der Großregion gibt (Honigsessen, St. Elisabeth, Dominikus Böhm 1930; Ludwigshafen, Friedenskirche, Karl Lattayer, 1931).

Als Ausgangspunkt für den Stil des Art Déco und als frühes Zentrum für den Einsatz des Stahlbetons (Notre Dame de Raincy von Aguste Perret 1922) spielte jedoch auch Paris eine bedeutende Rolle, und übte auf Bauten wie St. Thérèse in Metz (Roger-Henri Expert ab 1937) direkten Einfluss aus.

Bemerkenswert sind einzelne Versuche, moderne Konstruktionsweisen auch bei Kleinbauten auf den Kirchenbau zu übertragen, wie etwa im Fall der als Stahlskelettfachwerk errichtete Kirche in Rixensart bei Brüssel (1921) oder der ganz aus Stahl errichteten Arbeiterkirche in Crusnes (1937).

Metz, Sainte Thérèse de l'Enfant Jesu, Expert 1937
Foto: G. Schelbert

Frankenthal, St. Ludwig, Albert Boßlet 1935
Foto: G. Schelbert

Oft bestand die Suche nach Modernität vorwiegend in einer Vereinfachung der Formen unter weitgehender Beibehaltung traditoneller Schemata, sei es eher in den in Deutschland üblichen "expressionistischen" Formen (Saarbrücken, St. Michael, Hans Herkomer, 1923 und – gerade außerhalb des Gebiets der Großregion gelegen – Bischofsheim, Christkönig, Dominikus Böhm 1926), in französischem Art Decó (Hussigny, Nativité-de-la-Vierge, Zimmermann 1924, Esch, Sacré Coeur 1932; Montigny-lès-Metz, Jeanne d'Arc, Henri Drillien 1939), sachlicher (Trier, St. Bonifaz, Fritz Thoma 1930; Hermeskeil, St. Franziskus, Clemens Holzmeister 1931), oder in traditionalistischer Ausprägung, die in den 1930er Jahren in Deutschland vorherrschend wurde (Bauten Albert Boßlets, z.B. in Frankenthal, St. Ludwig, 1935).

1939-1945
In den Jahren des zweiten Weltkriegs, der ab 1940 das gesamte Gebiet der Großregion betraf, wurden nur noch wenige neue Bauten errichtet und eine viel größere Zahl zerstört.

Das betraf nicht nur die bombardierten deutschen Städte, sondern auch kleinere Orte in Lothringen, Luxemburg und Belgien, die vor allem während der Frontkämpfe der letzten Kriegsmonate fast dem Erdboden gleichgemacht wurden.

1945-1965
Nach der ersten Wiederherstellung von Wohnbauten und Produktionsstätten stellte sich sogleich auch die Aufgabe, die zerstörten Kirchenbauten zu ersetzen. Vielerorts wurden Notkirchen errichtet. Dies konnte verschiedenste Formen annehmen und war nicht immer als vorübergehende Lösung konzipiert.

Mit den Notkirchenprogrammen Otto Bartnings für den evangelischen Kirchenbau in Deutschland (Mainz, Lutherkirche; Ludwigshafen, Melanchtonkirche, beide 1949) und den Typenentwürfen von Jean Prouve in Lothringen (Forbach, Christ Roi, 1960) entstanden Systemlösungen, die an vielen Orten angewendet werden konnten. In Einzelfällen sind Provisorien bis heute erhalten geblieben (Woippy, Sainte Bernadette, 1953).

Die größte Bautätigkeit innerhalb der Großregion fand nicht nur wegen der vorangegangenen Kriegszerstörungen sondern auch wegen der weiterhin starken, für Bevölkerungswachstum sorgenden Industrialisierung in den Städten in Rheinland-Pfalz (Ludwigshafen, Kaiserslautern), im Saarland (Saarbrücken und andere Bergbau- und Eisenerzeugungsstandorte) und in Lothringen (vor allem Raum Metz) statt.

Lunéville, Saint Léopold, Etienne Aubry 1954
Foto: G. Schelbert

Luxembourg-Belair, Saint Pie X, Innenansicht, Laurent Schmidt 1957
Foto: G. Schelbert

Aber auch etwa die Stadt Luxemburg selbst hat eine beachtliche Zahl an Neubauten in diesem Zeitraum aufzuweisen.

Dabei reichte die Spanne der Realisierungsformen von teils sehr einfachen, auf maximales Fassungsvermögen zielende Bauten (Longeville-lès-Metz, Saint Symphorien, Yutz, Saint Nicholas und Saint Joseph, Lunéville, Saint Léopold) bis zu vergleichsweise aufwändigen Bauten, die in reicheren Gemeinden errichtet wurden (Luxemburg, Bonneweg und Belair), wobei generell die Größe der Kirchenbauten dieser Zeit bemerkenswert ist.

Insbesondere im französischen Raum wurden teils aufwändige Ausstattungen mit Buntglasfenstern ausgeführt (Nancy, Sainte Thérèse, Baccarat, Saint Rémy, Nicolas Kazis 1953; Épinal, Notre-Dame-au-Cierge, Jean Crouzillard 1956).

In Lothringen mussten wegen der massiven Kriegszerstörungen auch auf dem Land viele Pfarrkirchen neu gebaut werden (Roussy-le-Village 1953), wobei gelegentlich ausgesprochen moderne Formen gewählt wurden (Corny, Boust, beide Georges-Henri Pingusson 1960, 1961; Moyenvic, Gilles Bureau 1965).

Aber auch in Deutschland war durch wachsende Wohnbevölkerung steigender Bedarf an Kirchenraum auf dem Land gegeben, so dass zahlreiche ältere Kirchen durch Neubauten erweitert wurden, wobei teils interessante architektonische Lösungen entstanden (Cochem, St. Martin, Püttlingen, Liebfrauenkirche, beide Dominikus Böhm, 1952; Ochtendung, St. Martin, Alfons Leitl 1958, Namédy, St. Bartholomäus, Heinrich Otto Vogel, 1960; Wittlich-Lüxem, St. Maria Magdalena, Peter van Stipelen, 1964).

Seit der Mitte der 1960er Jahre setzte sich im gesamten Gebiet eine Tendenz zu zentralisierten Raumformen durch. Längs orientierte Bauten wurden nur noch selten errichtet.

1965-2000
Stilistisch setzen sich ab den 1960er Jahren Gestaltungen mit Sichtbeton durch, sowohl in brutalistisch-blockhafter (Linz a.Rh., St. Marien; Alexander Kulhavy 1964; Saarlouis, Christkönig, Günther Kleinjohann, 1970) als auch in organischer Ausrichtung (Saarlouis, St. Ludwig, Gottfried Böhm 1965). Seit den späten 1970er Jahren wurden verstärkt wieder Holzkonstruktionen eingesetzt.

Epinal, Notre-Dame-au-Cierge, Jean Crouzillard 1956, Glasfenster der Seitenwände von Gabriel Loire
Foto: G. Schelbert

Ochtendung, St. Martin, Erweiterung der alten Dorfkirche, Alfons Leitl 1958
Foto: G. Schelbert

Neben den neuen Raumformen für die Kirchen selbst kamen auch bei den katholischen Kirchen vermehrt Konzepte für Gemeindezentren zum Tragen, also für Baukomplexe, die neben der Kirche auch Gemeinderäume, Kindergärten, Seelsorgerwohnung und Veranstaltungsräume enthielten (Andernach, St. Stephan, Hans und Jürgen Schädel, 1966).

Im Verlauf der 1970er und 1980er Jahre ging die Zahl der neu errichteten Kirchen stark zurück. Insbesondere in den letzten beiden Jahrzehnten des Jahrhunderts wurden nur vergleichsweise wenige Bauten erstellt (Bad Kreuznach, St. Franziskus, 1990, Thomas Stahlheber; Ludweiler, Herz-Jesu, Lamott + Lamott, 2000).

Seit den späten 1980er Jahren zeichnete sich an vielen Orten ab, dass Kirchenräume nicht mehr benötigt werden und Kirchenbauten aufgegeben werden müssen.

Kirchengemeinden werden zur Einsparung von Personal- und Sachkosten fast überall in großem Umfang zusammengelegt. Einem Pfarrverband sind dadurch mehrere Kirchen zugeordnet.

Im Fall der Aufgabe eines Kirchengebäudes wird dieses nach kirchenrechtlicher Profanierung entweder durch die Kirchengemeinde oder einen neuen Eigentümer umgenutzt oder abgebrochen.

Aus sozialgeographischen Gründen und wegen der kulturhistorischen Bedeutung historischer Bauten betrifft das meistens Kirchenbauten, die in jüngerer Zeit errichtet wurden.

Das Phänomen der Aufgabe von Kirchen spielt in der Großregion insbesondere in Lothringen (Nancy, Saint François d'Assises, Henri Prouve 1959/60, Boust, Saint Maximin, Georges-Henri Pingusson, 1961), aber zunehmend auch in Rheinland-Pfalz (Trier, St. Mariä Himmelfahrt) und dem Saarland (Saarbrücken, St. Mauritius, St. Martin) eine Rolle.
Saarbrücken-Fechingen, St. Martin, Martin Dietz 1960, 2010 profaniert und in eine Galerie umgewandelt
Foto: G. Schelbert

Quellen


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Körner, Hans u. Wiener, Jürgen (Hg.): "Liturgie als Bauherr"? Moderne Sakralarchitektur und ihre Ausstattung zwischen Form und Funktion (redaktionelle Mitarbeit Wiebke Arnholz), Essen 2010

Körner, Hans u. Wiener, Jürgen (Hg.): Frömmigkeit und Moderne. Kirchenbau des 20. Jahrhunderts an Rhein und Ruhr (redaktionelle Mitarbeit Wiebke Arnholz und Iris Metje), Essen 2008

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Externe Links


Distel, Walter: Protestantischer Kirchenbau seit 1900 in Deutschland external link pdf

Eglise catholique à Luxembourg external link

Eglises ouvertes, Belgique external link

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Institut für Kunstgeschichte: Moderner Kirchenbau an Rhein und Ruhr external link

Künstlerlexikon Saar external link

Kunstlexikon Saar external link

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