Lothringen

Glas- und Kristallerzeugung in Lothringen

Eva Mendgen

Einführung


Die Karte zeigt die Verteilung der der aktuellen und der ehemaligen Glashütten der Großregion, aber auch erhalten gebliebene Glasmachersiedlungen, Villen der Glasfabrikanten usw.


Grossregion Lothringen Saarregion Wallonie
Bitscher Land
Warndt  
Quellen Links

Überblick


Seit dem 15. Jahrhundert sind Glasmacher in Lothringen im Departement Vosges (Forêt de Darney) zuhause.

Sie brachten ihr Savoir-faire aus anderen Gegenden Europas mit, angelockt von den Privilegien, die ihnen die Herzöge von Lothringen gewährten. Diese sind in der "Charte des Verriers" festgehalten.

In dieser Urkunde aus dem Jahr 1448 ist unter anderem die Befreiung von der Leibeigenschaft garantiert, damit hatten die Glasmacher als "Gentilshommes verriers" den Status von Adligen inne.

Karte: Glas- und Kristallerzeugung

Glas- und Kristallerzeugung

Eva Mendgen, Saarbrücken

Kopie eines Kronleuchters für den König von Nepal; Museum La Grande Place, St. Louis-lès-Bitche
Quelle: © die argelola regiofactum

Die Kunst Glas zu machen breitete sich über ganz Lothringen aus, es gab und gibt Glas- und Kristallglasfabriken in allen lothringischen Departements - Vosges, Meuse (Argonne), Meurthe-et-Moselle und Moselle (Pays de Sarrebourg, Pays de Bitche).

Die Glashütten Lothringens waren – und sind – trotz (oder wegen?) der brisanten geopolitischen Lage besonders erfolgreich.

Ihre erste Blütephase dauerte bis zum 30jährigen Krieg, die zweite begann mit der Neuansiedlung von Glasmachern im 18. Jahrhundert, begleitet von den Fördermaßnahmen der jeweils Herrschenden:

Bis 1766 genehmigten die Herzöge und Bischöfe von Lothringen die Glashütten, danach der französische König, dann Napoleon und schließlich Wilhelm I. und Wilhelm II.

Mit dem Ende des 1. Weltkriegs ist auch der Höhepunkt der Glasindustrie Lothringens überschritten, und nach dem 2. Weltkrieg setzte mit ihrer Mechanisierung der Niedergang der kleinen und mittelgroßen Manufakturen ein.

Tausende qualifizierter Glasmacher wechselten in andere Industrien, wo schichtgewohnte, möglichst zweisprachige Industriearbeiter gesucht wurden. Dies war zum Beispiel im Saarland der Fall, wo sich große Unternehmen französischer Herkunft angesiedelt hatten (z.B. Michelin in Homburg).

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint es so, als würden die Karten noch einmal neu gemischt, die Besitzverhältnisse in Baccarat und bei der Cristallerie Daum in Nancy änderten sich, die traditionsreiche Glashütte in Goetzenbruck sah sich 2007 zur Aufgabe gezwungen.

Buntglasfenster, Meisenthal
Quelle: Maison du verre et du cristal, Meisenthal 

Gute Hotels boten den von weither angereisten Händlern und Kunden im heute 770 Einwohner zählenden Örtchen Meisenthal Unterkunft
Quelle: © die argelola regiofactum 

Abgesehen davon wird das Glasmachen in Lothringen auch heute noch als ein edles, traditionsreiches  Handwerk betrieben, nicht von ungefähr wirken hier überproportional viele "beste Arbeiter Frankreichs", "MOFs" (Meilleur Ouvriers de France).

Die Glaskunst gehört heute zum "Patrimoine", zum nationalen Kulturerbe Frankreichs. Ihre Geschichte genießt seit 1999, der in Nancy mit großem Aufwand zelebrierten „Année de l’Art Nouveau“, wachsende Aufmerksamkeit.

2007 eröffnete das neue Glasmuseum in der Cristallerie in Saint-Louis-les-Bitche, im selben Jahr war Lothringen mit Luxemburg und der Großregion Kulturhauptstadt Europas – ein Ereignis, das bislang allerdings ohne Folgen für die grenzübergreifende Erforschung des Glases und seiner Geschichte geblieben ist, auch wenn 2007 mehrere Ausstellungen zum Thema Glas in der Region stattgefunden haben.

- Top -

Quellen


Arwas, V. 1987: Glas – Vom Jugendstil zur Art Deco, Stuttgart

Brumm, V. o.J.: Un Pays du verre et du Cristal: Les Vosges du Nord au siècle des lumières, Mémoire de maitrise, Université des Sciences Humaines de Strasbourg

Conseil Economique et Social de Lorraine (Hrsg.) 1994: Lorraine, Terre de Chimies, Situation e perspectives des industries régionales, Rapport Nr.94/1

Cook, Anne und Anne-Claire Hourte 1996: Verrerie – Cristallerie / Glas und Kristall. In: Patrimoine et Culture Industrielle en Lorraine, Metz, S.150-164

Flory, O. 1912: Die Geschichte der Glasindustrie in Lothringen, in: Jahrbuch dr Gesellschaft für lothringische Geschichte und Altertumskunde, Jg. XXIII (1911), Metz, S.132-379

Gloc-Dechezlepretre, M. 1998: Verreries du Pays de Bitche, Itinéraires du Patrimoine, No.186, Inventaire Général, Nancy

Guilhot, J.-O., S. Jacquemont und P. Thion 1990: Verrerie de l’est de la France XIIIe – XVIIIe siècles : fabrication, consommation, supplément Revue archéologique de l’Est et du centre Est, Dijon

Henrivaux, J. 1903: La verrerie au XXe siècle, Paris, S. 403 ff.

Hiegel, H. 1957: Die Glashütten der deutschen Ballei von 1600 bis 1632, Saarbrücker Hefte 6, S.35–49

o. A. 1950: La Lorraine Mosellane, Richesses de France, publié sous le patronage du Conseil Général de la Moselle, de la Municipalité de Metz, de la Chambre de Commerce et d’industrie de la Moselle, Revue Economique et Touristique, 32e année

Maison du verre et du Cristal (Hrsg.) o.J.: Das Glasmuseum in Meisenthal, Meisenthal

Mégly, J. 1986: Au Pays des Verriers autour de St-Louis en Lorraine, Sarreguemines

Meier-Graefe, J. 1896: La Verrerie de Nancy, jugée par un étranger,  La Lorraine Artiste, 18.Oktober 1896,  No.43, S. 414 – 415

Mendgen, E. 1995: Meisenthal – eine Kunstglashütte / Meisenthal – une verrerie d’art. In: F. Burkhardt (Hrsg.): Reflexions, Drei Jahre Glaswerkstatt Meisenthal Saarbrücken

Mendgen, E. 1999: Auf den Spuren der Glasmacher. In: Zeitung der Hochschule der bildenden Künste Saar, Saarbrücken, November 1999, S.7-8

Mendgen, E. 2000: Franz von Stuck et Émile Gallé: Stratégies de marché. In: Actes du Colloque l’École de Nancy et les Arts Décoratifs en Europe, Metz, S. 216–225

Mendgen, E. 2000: Glaskunst im Saarland und in Lothringen – Art Verrier en Sarre et en Lorraine, CD-Rom- und Internetpublikation, HBK Saar

Mendgen, E. 2007: Glaskunst/Art Verrier, in: Mendgen, E., V. Hildisch u. H. Doucet (Hrsg.): Im Reich der Mitte / Le berceau de la civilisation européenne: Savoir-faire Savoir-vivre, Konstanz und Saarbrücken

Minisci, A. 1996: Per una Storia del Cristallo in Toscana. Evoluzione e Sviluppo della Vetreria Schmidt nell'Area di Colle Val d'Elsa, 1820-1887. In: Il Vetro Dall'Antichità all'età contemporanea, Atti 2e Giornate Nazionali di Studio AIHV - 14-15 Dicembre 1996 Milano

Neutzling, W. 1989: Die Glasmacherfamilie Raspiller, Saarbrücken

Pazaurek, G. 1901: Moderne Gläser, Leipzig

Rose-Villequey, G. 1971: Verre et Verriers de Lorraine, au début des temps modernes, Paris

Schmoll gen. Eisenwerth, J.A. und H. Schmoll gen. Eisenwerth, geb. Hofmann 1980: Nancy 1900. Jugendstil in Lothringen – Zwischen Historismus und Art Déco, Ausstellungskatalog Münchner Stadtmuseum, Mainz und Murnau

Schneider, E. 1999: Zur Geschichte der Cristallerie Wadgassen. In: Heimatkundlicher Verein Warndt e.V. (Hrsg.): Die Glashütten im Warndt, Völklingen-Ludweiler 1999, S. 309–314

Stenger, A. 1988: Verreries et verriers d’Alsace du XVIe au XXe siècle, Saisons d’Alsace, No.99, S.7-107

Stenger, A. 1988: Verreries et verriers au pays de Sarrebourg, Sarrebourg,

Sautot, D. 1994: Baccarat, eine Geschichte, Paris

Externe Links


Centre international d'art verrier (CIAV), Meisenthal (1) (frz.) external link

Centre international d'art verrier (CIAV), Meisenthal (2) (frz.) external link

CERFAV external link

Cristallerie de St. Louis-lès-Bitche (frz.) external link

Cristallerie St. Louis-lès-Bitche, Musterbuch um 1872 external link pdf

Cristallerie-Museum La Grande Place, St. Louis-lès-Bitche (engl.) external link pdf

Maison du verre et du cristal, Meisenthal external link

Maison du verre et du cristal, Meisenthal (frz.) external link

Pôle Verrier external link 

Woronoff, D. o.J.: Quand l’exception devient (presque) la règle : remarques sur le vitrage en France, xvie-xviiie siècles (frz.) external link