Meisenthal

GK076 Meisenthal

Glashütte Meisenthal mit CIAV, 2008
Quelle: CIAV  

Burgun, Schverer & Cie

3, place Robert Schuman
F-57960 Meisenthal
1704 (1711) – 1969

Manufaktur, Gebrauchs- und Luxusglas, Kristallglas, Pressglas, Kunstglas (Verrerie d’Art)


Verrerie de Meisenthal / Burgun, Schverer & Cie

Glasmacherfamilien aus dem nahegelegenen Soucht gründeten die Glashütte in Meisenthal, die sich im 19. Jahrhundert zu einer der wichtigsten Glashütten Lothringens entwickelte.

1704 schlossen die Glasmacher den ersten Pachtvertrag mit dem lothringischen Herzog, 1721 gründeten sie in Goetzenbruck eine weitere Glashütte, die wie die Verreries de Meisenthal Trink-, Fenster- und Uhrenglas herstellte.

Das Schild spiegelt die französisch-deutsche Gesichte des Unternehmens.
Quelle: die arge lola / regiofactum

Das Signet der Firma zeigt bis in die 20er Jahre ein "Service de Table" in seiner reduzierten Ausführung mit Wasserflasche, Glas und Untersatz.
Quelle: Burgun, Schverer & Cie

Nach der Französischen Revolution kauften die Erben der Firmengründer die Meisenthaler Glashütte, 1800 zählte sie 18 Teilhaber und 56 Mitarbeiter.

Bis 1823 zeichnete man mit "Verrerie de Meisenthal", ab 1824 mit "Burgun, Schverer & Cie" und spezialisierte sich auf "Luxusglas" (geschliffenes Kristallglas), die Uhrenglasherstellung konzentrierte sich jetzt auf Goetzenbruck.

Nach dem Preußisch-Französischen Krieg 1870/71 gehörte Meisenthal zum Deutschen Reich (bis 1918).

Es folgte eine Phase der Expansion: Die Zahl der Mitarbeiter stieg von 350 im Jahr 1886 auf 450 im Jahr 1893, um 1912 waren es schon 500 Arbeiter.

Zum Sortiment gehörten Tafelservices aus mundgeblasenem Kristall- und Halbkristall ebenso wie glattes und geschliffenes Hohlglas und Pressglasartikel.

Die Vermarktung erfolgte im Wesentlichen über mehrsprachige Produktkataloge und Niederlassungen in Berlin, Hamburg, Paris und London, nach 1900 auch in Saargemünd und Mailand, nach 1915 auch in Buenos Aires und Mexiko.

Bis 1918 wurde vor allem auch für den Export in die USA produziert.

Katalog von 1927. Bestimmte Grundformen hielten sich über Jahrzehnte, zum Teil bis heute, wie das Stielglas "Ballon".
Quelle: Burgun, Schverer & Cie.

Haus des Glashüttenmeisters Martin Walter, 1803, Rue d’Alsace, Meisenthal
Quelle: die arge lola / regiofactum

1905-1919 wurde mit "Verreries de Meisenthal und Kommanditgesellschaft auf Aktien" firmiert,  bis 1935 mit "Verreries de Meisenthal Société par Actions", bis 1965 mit "Verreries de Meisenthal Société Anonyme", 1965 – 1969 schließlich mit "Cristalleries-Verreries de Meisenthal Société Anonyme".

1969 verloren mit der Stillegung der Glashütte etwa dreihundert Menschen ihre Arbeit.

Vom wirtschaftlichen Erfolg und dem sozialen Ansehen der Meisenthaler Glasmacher zeugen heute noch ihre zahlreich erhaltenen, stattlichen Häuser.

Um 1900 verfügte die Gemeinde über einen Eisenbahnanschluss, ein halbes Dutzend Restaurants, Hotels, Cafés, eine neogotische, französische Kirche (1809) und ein wilhelminisches Schulhaus (nach 1871). 

Verrerie d’art
Einen Höhepunkt der Unternehmensgeschichte bedeutete die Kooperation mit der Firma Gallé. Seit den 1860er Jahren bestanden geschäftliche Beziehungen mit dem Glas-, Keramik- und Möbelverleger Charles Reinemer-Gallé aus Nancy.

Ab 1867 erlernte sein Sohn Emile (1846-1904) in Meisenthal die Grundlagen des Glasmacherhandwerks. Emile richtete hier ein Versuchsatelier ein.

Er ließ ab 1877 seine Entwürfe unter der Leitung des Graveurs und Glasmalers Désiré Christian umsetzen. Gallé schickte seine Entwürfe per Post von Nancy nach Meisenthal.

Ab 1885 regelte ein "Geheimvertrag" die Kooperation, aus der eine neue, erfolgreiche Produktlinie hervorging, die "verrerie d’art", mit der Gallé als Glaskünstler aus Nancy weltberühmt wurde.

1894 endete die enge Zusammenarbeit vorzeitig: Gallé errichtete eine Kristallerie in Nancy im französisch gebliebenen Teil Lothringens, blieb allerdings Teilhaber der seit 1871 deutschen Meisenthaler Glashütte. 

Verrerie d’art von Emile Gallé auf der Weltausstellung 1889 in Paris
Quelle: Katalog

Farbpalette für Emailfarben, um 1885, Eugène Kremer
Quelle: Burgun, Schverer & Cie.

Eng verbunden mit der Glashütte in Meisenthal sind die Namen der Glaskünstler Désiré Christian und Eugène Kremer. Christian  übernahm 1877/78 die Leitung des Dekorationsateliers, 1885 - 1894 bestimmte der Geheimvertrag die Zusammenarbeit mit Gallé.

Danach gründete Christian sein eigenes Unternehmen zur Herstellung von Kunstglas. "Christian & Sohn" hatten sich schnell einen guten Namen gemacht, u.a. auf der Weltausstellung 1900 in Paris oder 1899 und 1901 auf der Internationalen Kunstausstellung im Glaspalast in München.

Christian gehörte zu den ersten Mitgliedern der 1901 von Gallé gegründeten "Ecole de Nancy". Mit seinem Tod 1907 wurde das Atelier in Meisenthal geschlossen.

Der Glasmaler Eugène Kremer leitete das Dekorationsatelier von "Burgun, Schverer & Co." Ab 1897. Dort entstanden bis etwa 1908 Kunstglasprodukte, die mit "Verreries d'Art de Lorraine" signiert sind.

Für seine Leistungen wurde Kremer auf der Weltausstellung 1900 in Paris mit einer Bronzemedaille ausgezeichnet. Diese betrafen vor allem die Emailmalerei, hier vor allem neue Farbnuancen.

Im Gebäudekomplex der ehemaligen Glashütte befinden sich heute das "Musée du Verre et du Cristal“ und das "Centre International d'Art Verrier" (CIAV). Das 1981 gegründete Museum verfügt u.a. über eine Sammlung des Frühwerks von Emile Gallé, eine Bibliothek und ein einzigartiges Archiv zur Geschichte des Glases.

Musée du Verre et du Cristal, Meisenthal
Quelle: © die arge lola / regiofactum

Workshop der HBKsaar im CIAV
Quelle: E. Mendgen

Das CIAV knüpft an die Tradition Meisenthals als Kunstglashütte an, so etwa im Rahmen von internationalen Workshops mit Künstlern, Designern und Glasmachern in Zusammenarbeit insbesondere mit der Hochschule der Bildenden Künste Saar.

Musée du Verre et du Cristal
3, place Robert Schuman
F-57960 Meisenthal

Centre International d'Art Verrier
3, place Robert Schuman
F-57960 Meisenthal

Kontakt:
Communauté de Communes du Pays du Verre et du Cristal
place Robert Schumann
F-57960 Meisenthal
Tel. 0033 37 96 91 96, Fax 0033 3 87 96 92 71

Gruppenfoto der Glasbläser mit Antoine Mathieu und Joseph Remy Burgun, Meisenthal 1892
Quelle: Musée du Verre et du Cristal
Historische Postkarte, Glasfabrik Meisenthal
Quelle: Privatsammlung

 

Quellen


Brumm, V. o.J.: Un Pays du verre et du Cristal: Les Vosges du Nord au siècle des lumières, Mémoire de maitrise, Université des Sciences Humaines de Strasbourg

Burkhardt, F. (Hrsg.) 1995: Reflexions, Drei Jahre Glaswerkstatt Meisenthal, Ausstellungskatalog Regionalgeschichtliches Museum, Saarbrücken

Gloc-Dechezlepretre, M. 1998: Verreries du Pays de Bitche, Itinéraires du Patrimoine, No.186, Inventaire Général, Nancy

Le Tacon, F., P. Franckhauser und Y. Fleck 1999: Meisenthal. Berceau du verre Art Nouveau, Ausstellungskatalog Musée du Verre et du Cristal, Meisenthal

Mendgen, E. 1995: Meisenthal – eine Kunstglashütte / Meisenthal – une verrerie d’art. In: F. Burkhardt (Hrsg.): Reflexions, Drei Jahre Glaswerkstatt Meisenthal Saarbrücken

Ricke, H. und E. Schmitt (Hrsg.) 1998: Glas des Art Nouveau. Die Sammlung Gerda Koepff, mit Beiträgen von Susanne Brenner, Brigitte Leonhardt und Nobuo Tsûji, München und New York

Rose-Villequey, G. 1971: Verre et Verriers de Lorraine, au début des temps modernes, Paris

Schmoll gen. Eisenwerth, J.A. und H. Schmoll gen. Eisenwerth, geb. Hofmann 1980: Nancy 1900. Jugendstil in Lothringen – Zwischen Historismus und Art Déco, Ausstellungskatalog Münchner Stadtmuseum, Mainz und Murnau

Stenger, E. 1971 (Manuskript): Glashütten, Glasmacherstämme, Glasmacherleben im Bitscher Land seit 1550

Externe Links


Centre international d'art verrier (CIAV), Meisenthal (frz.) external link

Maison du verre et du cristal, Meisenthal external link

Maison du verre et du cristal, Meisenthal (frz.) external link