Bitscherland

GK080 Saint-Louis-lès-Bitche

Saint Louis, Blick von der Kirche auf das Werk im Münzthal, 2008
Quelle: die arge lola / regiofactum
  

Cristalleries de Saint-Louis

Rue de Coetlosquet
F-57620 Saint-Louis-lès-Bitche

Gegr. 1767, seit 1781 (?) Kristallerie, Luxusprodukte

Die Verrerie Royale de Saint-Louis wurde 1767 mit Erlaubnis König Ludwigs XV. von den beiden Advokaten Jolly und Olivier im Münzthal einige Kilometer südwestlich von Bitsch auf dem Gelände der älteren, zerstörten Glashütte von Holbach (gegr. 1589) errichtet.

Zu den Fabrikgebäuden kamen laut Dekret des Königs "eine Kapelle, Unterkünfte für die Meister, Arbeiter und Bauern, eine Mehlmühle, ein Sägewerk".

In Saint Louis-lès-Bitche wurde 1781 das erste Bleikristallglas in Frankreich produziert und das Verfahren weiter verfeinert.

Kristallglas in Saint-Louis
Quelle: die arge lola / regiofactum

Produktkatalog 1903, Musée du Verre et du Cristal, Meisenthal
Quelle: die arge lola / regiofactum

Eng verknüpft mit der Geschichte des Kristallglases in der Großregion ist der Name des 1770 in Paris geborenen Chemikers Aimé-Gabriel d’Artigues. D’Artigues war 1791 – 1795 Direktor der Kristallglashütte in Saint-Louis.

1802 gründete er die Kristallglashütte im damals französischen Vonêche (Wallonien), wo er Glasmacher aus dem Elsass und Lothringen beschäftigte.

Ab 1815 gehörte Vonêche zum Königreich Holland und verlor den französischen Absatzmarkt.

Deshalb erwarb D’Artigues 1816 die Glashütte Sainte Anne im lothringischen Baccarat (Meurthe-et-Moselle) und machte sie ebenfalls zur Kristallglashütte.

Von Saint Louis aus verbreitete sich das Savoir-faire nicht nur in Lothringen und Belgien, sondern auch in Italien (Colle Val d’Elsa) und an der Saar (Wadgassen).

1829 wurde eine Fusion der Cristallerien von Saint Louis und Baccarat diskutiert, um die Konkurrenz auszuschalten.

Ergebnis war die gemeinsame Vermarktung der Produkte über einen Katalog (1834) und die beiden wichtigsten Großhändler in Paris, Rue de Paradis-Poissonnière 30.

Direktorenvilla
Quelle: die arge lola / regiofactum

Aus dem Produktkatalog 1903, Musée du Verre et du Cristal, Meisenthal
Quelle: die arge lola / regiofactum

Die Cristallerie gehörte 1871 – 1918 zum Deutschen Kaiserreich ("Saint Louis – Münzthal").

Um 1900 waren hier etwa 2 000 Personen beschäftigt. Die Glasmacher kamen aus Böhmen, Italien, Belgien oder Deutschland.

Galt Saint Louis zuvor als einer der schönsten Fabrikorte Frankreichs, so war die Kristallerie jetzt der Stolz der deutschen Industrie. Damals gehörte das gesamte Tal zur Fabrik.

Auch heute noch bilden das Werk, wenn auch in reduzierter Form, die Wohnhäuser der Arbeiter mit ihren Nutzgärten, die Direktorenvilla mit Parkanlagen und die Kirche ein einzigartiges Ensemble, seit 2007 ergänzt um "La Grande Place, Musée du Cristal"

Das Sortiment der Glashütte umfaßte anfangs "verres en table, facon Bohème", sowie Flachglas.

Als Kristallglashütte spezialisierte man sich auf Tafelservices und Luxusgegenstände wie Kronleuchter, Karaffen und Gläser, geschliffen oder anders veredelt,  sowie formschöne Serienprodukte, repräsentiert durch die "Fabrik-Marke" mit Flasche, Becher und Teller.

1867 produzierte Saint Louis 1,9 Tonnen handgefertigtes Kristall am Tag, davon gingen 45% in den Export.

Neben den Luxusprodukten wurden auch Produkte für die Industrie angefertigt, wie Lampen für Eisenbahnwaggons und für Bergarbeiter. Außerdem wurden die Ateliers von Glasschleifern mit Rohglas beliefert ("blancs"). 

Kronleuchter, Kirche Saint-Louis
Quelle: E. Mendgen

Werksgebäude mit Museum La Grande Place
Quelle: die arge lola / regiofactum

Um 1900 entstand schließlich eine weitere Produktlinie, ein Dekorationsatelier ("bureau de création") unter Paul Nicolas, einem ehemaligen Mitarbeiter Emile Gallés.

1919 – 1925 realisierte Nicolas für Saint Louis Kunstglas unter der Markenbezeichnung "d’Argental" (die französische Übersetzung von Münzthal), ab 1925 signierte er seine Produkte mit seinem eigenen Namen.

Vasen von Nicolas sind heute unter anderem im Maison du Verre et du Cristal external link in Meisenthal zu sehen. Einer der Mitarbeiter Nicolas', Edmond Rigot, brachte es in der Cristallerie Wadgassen als Glaskünstler zu großem Ansehen.

1995 übernahm der Luxusgüterkonzern Hermès die Cristallerie.

 

Quellen


Brumm, V. o.J.: Un Pays du verre et du Cristal: Les Vosges du Nord au siècle des lumières, Mémoire de maitrise, Université des Sciences Humaines de Strasbourg

Girault, M. 1998: Saint-Louis, Quatre siècles de cristallerie au Pays de Bitche, Tournai

Gloc-Dechezlepretre, M. 1998: Verreries du Pays de Bitche, Itinéraires du Patrimoine, No.186, Inventaire Général, Nancy

Mégly, J. 1986: Au Pays des Verriers autour de St-Louis en Lorraine, Sarreguemines

Mendgen, E. 2000: Glaskunst im Saarland und in Lothringen – Art Verrier en Sarre et en Lorraine, CD-Rom- und Internetpublikation, HBK Saar

Neutzling, W. (o.J.): Durch ganz Europa, Westricher Glashüttenhefte, Bd. 2 (hier „Généalogie Lorraine: Verriers de Bohème en Lorraine: Vérité ou Légende?“)

Rose-Villequey, G. 1971: Verre et Verriers de Lorraine, au début des temps modernes, Paris

Stenger, E. 1971 (Manuskript): Glashütten, Glasmacherstämme, Glasmacherleben im Bitscher Land seit 1550

Externe Links


Cristallerie de St. Louis-lès-Bitche (frz.) external link

Cristallerie St. Louis-lès-Bitche, Musterbuch um 1872 external link pdf

Cristallerie-Museum La Grande Place, St. Louis-lès-Bitche (engl.) external link pdf

Maison du Verre et du Cristal external link