Saarkohlenwald

Glas- und Kristallerzeugung im Saarkohlenwald

Eva Mendgen

Einführung


Die Karte zeigt die Verteilung der der aktuellen und der ehemaligen Glashütten der Großregion, aber auch erhalten gebliebene Glasmachersiedlungen, Villen der Glasfabrikanten usw.


Grossregion Lothringen Saarregion Wallonie
Warndt
Saarkohlenwald
Friedrichsthal St. Ingbert Quellen Links

Überblick


Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verlagerte sich die Glasindustrie vom Warndt links der Saar in den Saarkohlenwald rechts der Saar. Sie konzentrierte sich zuerst in Friedrichsthal, Quierschied und Sulzbach und nach dem 1. Weltkrieg in St. Ingbert.

Die Glashütten spezialisierten sich seit 1723 auf die Fertigung von Flaschen- und später vor allem Tafelglas in etwa drei Dutzend kleinen und mittelgroßen Betrieben, in denen das Glas im Mundverfahren geblasen wurde.

Kunden waren anfangs unter anderem die Winzer an der Mosel und in den französischen Weinanbaugebieten (Wein- und Champagnerflaschen), sowie Apotheken. Die Nachfrage nach Glasprodukten wuchs vor allem im 19. Jahrhundert beständig.

Karte: Glas- und Kristallerzeugung

Glas- und Kristallerzeugung

Eva Mendgen, Saarbrücken

Wappen von Friedrichsthal
Quelle: Stadt Friedrichsthal

Modernisierung nach Fourcault
Erst die Einführung des nach seinem belgischen Erfinder benannten Fourcault-Verfahrens brachte eine Umstellung vom Manufaktur- zum modernen Industriebetrieb mit sich: 1922 wurde die erste Tafelglas-Ziehmaschine eingeführt.

Zu jenem Zeitpunkt hatten sich die Sulzbacher und Friedrichsthaler Tafelglashütten zur "Vereinigten Vopeliusschen und Wentzelschen Glashütten G.m.b.H." zusammengeschlossen, einem kapitalkräftigen modernen Maschinengroßbetrieb – vor allem um mit den fortschrittlichen belgischen Hütten konkurrieren zu können.

Die Modernisierung der Glasindustrie führte zu einem Abbau der Arbeitsplätze und zur Abwanderung der Arbeiter in die Schwerindustrie: 1934 waren in der Glasindustrie an der Saar gerade noch 2 425 Erwerbstätige beschäftigt gegenüber 73 193 im Bergbau.

Steinkohle als Standortfaktor
Die Nähe zu den reichen Steinkohlenvorkommen entschied im Wesentlichen über Ansiedlung und Ausbau der Glasindustrie im Saarkohlenwald. Damit wurde die Glasindustrie in gewissem Sinne zum Schrittmacher für die neuzeitliche Entfaltung des saarländischen Eisenhüttenwesens.

Fürst Wilhelm Heinrich hatte die Kohlengruben verstaatlicht und erlaubte im Rahmen seiner Ansiedlungspolitik noch den unentgeltlichen Zugriff der Glashütten darauf. In den Zeiten der Französischen Republik hatte man dem „Inspecteur des Mines et Usines“ für die Nutzung der Gruben jährlich einen bestimmten Betrag zu entrichten.

Ab 1815 war dann der preußische Bergfiskus zuständig. Die alten Absatzgebiete nach Elsass-Lothringen und dem "inneren Frankreich" gingen zum Beispiel 1815 durch die neue Zollgrenze fast vollständig verloren, die preußische Bergverwaltung drohte sogar damit, das Kohlenprivileg ganz aufzulösen.

Fertigung von Glaswalzen, für die Herstellung von Flachglas

Kohle als Standortfaktor
Quelle: die argelola regiofactum 

Nach dem Versailler Friedensvertrag wurde das Saargebiet dann für 15 Jahre dem Völkerbund unterstellt, die Kohlengruben Frankreich übereignet. Mit jeder Neuordnung der deutsch-französischen Grenzen änderten sich die Wirtschaftspolitik, die nächstgelegenen Absatzmärkte und damit die Spielregeln der Vermarktung.

 

Kartellbildung
Diese und andere Probleme führten zuerst im 19. Jahrhundert zu unternehmerischen Maßnahmen der beiden wichtigsten Glasfabrikanten, Wentzel und Vopelius.

Auf ihre Initiative erfolgte 1833 der Zusammenschluss der sieben saarländischen Tafelglashütten im Sulzbachtal und bei St. Ingbert zum  ersten Syndikat der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Wenig später schlossen sich die Flaschenglashütten auf Initiative der Familie Vopelius zusammen, in Saarbrücken wurde ein Büro eingerichtet, von dem aus die Waren mit einem einheitlichen Preis verkauft wurden.

Glasmacherbauern
Die Glashüttenbetreiber legten Wert auf einen festen Arbeiterstamm, der sein Wissen an die jeweils nächste Generation weitergab und förderten die Ansiedlung der Glasmacher in der Nähe der Hütte.

Für den Eigenbedarf wurde Landwirtschaft betrieben (Glasmacherbauern). Einige dieser Glasmachersiedlungen sind noch erhalten, wenn auch durch Umbau z.T. stark verändert.


Eisenbahnhütten
Als 1852 die Eisenbahnlinie Saarbrücken-Neunkirchen fertiggestellt wurde, entstanden bis 1890 alleine  in Friedrichtshal elf „Eisenbahnhütten“ verkehrsgünstig gelegen in der Nähe der Bahn. Die älteren Glashütten wurden nach und nach stillgelegt.

Königliche Urkunde
Quelle: Nachlass Ruth Wentzel

Glasflaschenrecycling, Grube Maybach, Friedrichsthal 2008
Quelle: © die argelola regiofactum 

Konzentration
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts führten die große regionale und überregionale (Wallonien) Konkurrenz  und die hohen Kosten für technische Neuerungen zu einem gnadenlosen Verdrängungswettbewerb.

1880 gab es noch 15 Glashütten an der Saar, die Tafel-, Flaschen- und Weißhohlglas produzierten, 1914 hatten sich die Tafelglashütten aus Friedrichsthal und Sulzbach zur "Vereinigten Vopeliusschen und Wentzelschen Glashütten G.m.b.H." zusammengeschlossen. 1927 waren gerade noch neun Glashütten übrig, 1929 hatte von den vier Flaschenglashütten nur die Champagnerflaschenfabrik in Homburg überlebt.

Die moderne St. Ingberter Glasfabrik konnte sich bis 1974 behaupten.  Sie ist allerdings nicht die letzte Glashütte des Saarlandes: Kaum bekannt ist die jüngste und modernste Glashütte im Saarland, die "Bauglasindustrie" in Schmelz, die seit 1972 erfolgreich Profilglas für den Standort Großregion und für den weltweiten Export produziert.

Verluste
Heute verweist nichts mehr direkt auf die im Saarkohlenwald einst so präsente Glasindustrie. Sie wurde vom Bergbau überlagert, der heute auch schon wieder Geschichte ist.

War die Saarglasindustrie bis in die 1950er Jahre Gegenstand wissenschaftlicher Arbeiten, ab und an auch Instrument nationalistischer Propaganda, so ist sie heute in erster Linie in der Heimatforschung präsent. Ihre Relikte sind, trotz Denkmalschutz, abgerissen oder so stark verändert, dass sich ihre ursprüngliche Bestimmung heute nicht mehr ablesen lässt  (z.B. St. Ingbert). 

Versuche, auf ihre Geschichte anlässlich der teilweisen Rekonstruktion und Transformation der St. Ingberter Glashütte in einen Baumarkt mit Hilfe einer von mehreren öffentlichen und privaten Initiativen veranstalteten Ausstellung aufmerksam zu machen, haben keine dauerhafte Beachtung nach sich gezogen.

Zahlreiche Dokumente zur deutsch-französischen Kultur-, Technik- und Wirtschaftsgeschichte warten noch auf ihre Entdeckung und wissenschaftliche Dokumentation und vor allem auch eine Interpretation im Kontext der europäischen Geschichte. 

Glashütte St. Ingbert kurz vor dem Abriß
Quelle: E. Mendgen

   Historische Karte der Glashütten an der Saar

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Quellen


Banken, R. 2003: Die Saarregion 1815-1914. Band 2: Take-Off-Phase und Hochindustrialisierung 1850-1914, Stuttgart

Glaser, H. und E. Mendgen 2005: Ein untergegangener Industriezweig und seine Denkmäler. Argumente für eine Glasstraße Saarland-Lothringen. In Eckstein, Journal für Geschichte Nr.11, Saarbrücken

Glaser, H. und W. Kräuter 1989: Industriesiedlungen, Saarbrücken

Kern, W. 1975: Friedrichsthal Bildstock Maybach - Bilder und Dokumente zur Geschichte der Stadt, Heimat- und Verkehrsverein Friedrichsthal

Lauer, W. 1922: Die Glasindustrie im Saargebiet, Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte des Saargebiets, Diss. Tübingen, Braunschweig

Martin, F. Saarland – ein landeskundlicher Abriss (LXXIII), S. 210–211

Müller, R. und D. Staerk 1998: Quierschied, die Gemeinde im Saarkohlewald, Quierschied

Overbeck, H. 1934: Saar-Atlas, Gotha

Schmitt, A. 1989: Denkmäler Saarländischer Industriekultur, Saarbrücken

Vopelius, M. v. 1895: Die Tafelglasindustrie im Saarthale, Diss., Halle

Wetzel, Ruth, Nachlass

Externe Links


Die Familie Vopelius external link