Friedrichsthal

GK011 Erstes Glashüttenzentrum Friedrichsthal

Glasmacher in Friedrichsthal
Quelle: Stadtarchiv St. Ingbert

Erstes Glashüttenzentrum

D-66299 Friedrichsthal
(1723) 1747-1926
Flachglas, Flaschenglas


Der Ort Friedrichsthal war im 18. und 19. Jahrhundert eines der wichtigsten Zentren der Glasindustrie in der Großregion. 21 Glashütten sind hier zwischen 1723 und 1926 nachgewiesen.

Wenige, miteinander verwandte, Familienunternehmen bestimmten ihre Geschicke (Wentzel, Reppert, Schmidtborn, Hahne) nahezu 200 Jahre. Wichtigster Standortfaktor war die Verfügbarkeit von Steinkohlengruben vor Ort, ab 1852 die Nähe zur Eisenbahn. Produziert wurde in erster Linie Flach- oder Tafelglas und Flaschenglas (eine Veredlung fand nicht statt). 

1723 gründeten die hessischen Glasmacher Eberhard und Wentzel mit Erlaubnis des Grafen Friedrich Ludwig von Nassau-Saarbrücken im Saarkohlenwald rechts der Saar eine erste Holzglashütte.

Ausgestattet mit "Gärten und Wiesen" kann sie als der Ursprung des späteren Industrieortes Friedrichsthal angesehen werden, in dessen Wappen zwei Glasmacherpfeifen auf die Vergangenheit verweisen.

Patent für geblasenes gewelltes Transparentglas mit breiten starken Querrippen zum Zweck einer starken Lichtbrechung; 8.5.1901
Quelle: Nachlass Ruth Wentzel

Situationsplan der Glashütte H.L.Wentzel 1885
Quelle: Nachlass Ruth Wentzel

Die Glasmacher gaben diese erste Hütte wegen zahlreicher Schwierigkeiten nach ein paar Jahren auf (u.a. zu großer Holzverbrauch). Sie übernahmen stattdessen 1729 die erste mit Koks befeuerte "Kohlglashütte", 1721 bei Saarbrücken errichtet (heute Stadteil Russhütte).

1747 kehrten sie nach Friedrichsthal zurück, wo man mittlerweile Steinkohle entdeckt hatte und errichteten eine neue (Kohl)Glashütte ("Obere Hütte"), 1756 folgte eine weitere Glashütte ("Bacherhütte"). Beide waren bis 1866 in Betrieb. 1792 entstand zudem "die kleine Weißglashütte", die bis 1904 produzierte.

Das Flachglas fand unter anderem in den holländischen Gewächshäusern Verwendung, das „nassauische“ Glas hatte gegenüber der Konkurrenz (u.a. Belgien, Niederrhein, Westfalen) einen Wettbewerbsvorsprung wegen der verkehrsgünstigen Lage, der besseren Qualität und der Verfügbarkeit billigen Brennmaterials.

Die Kohlen kamen noch bis in die 1860er Jahre zum "Selbstkostenpreis" aus der "königlich Preussischen Berggrube Friedrichsthal". Danach gab es diese Privilegien nicht mehr, und die Fabrikanten erwarben unter anderem Kohlegruben, um die preiswerte Energieversorgung zu sichern.

1825 bis 1841 kamen sieben weitere Tafel- und Flaschenglashütten entlang der Hauptstraße hinzu.

Der Bau der Sulzbachtalbahn 1852 brachte eine Standortverlagerung mit sich, elf neue Glashütten entstanden als Großbetriebe in Folge der technischen Fortschritte (Einführung der Dampfmaschine, der Siemens’schen Gasöfen und des Wannensystems) zwischen 1853 und 1890 in der Nähe des Bahnhofs Friedrichsthal durch die Unternehmen L. Reppert Sohn, H. Wentzel Sohn, Schmidtborn-Hahne und H.L.Wentzel (Heinrich Ludwig Wentzel).

Um 1860 arbeiteten in Friedrichsthal an die 500 Glasmacher. Die Glasmacher verdienten vergleichsweise gut, die "Walzenmacher" mehr als die Flaschenbläser. Flachglas erhielt man durch das Blasen von langen, zylinderförmigen Walzen, die aufgeschnitten, in einem Bügelofen plattgewalzt, in die gewünschte Größe geschnitten und in einem Kühlofen abgekühlt wurden.

Glaswalzen wurden aufgeschnitten und zur Herstellung von Flachglas plattgewalzt

Preisliste, 1852?
Quelle: Nachlass Ruth Wentzel

Die erzeugte Glasmenge belief sich in den 1880er Jahren auf rund zwei Millionen m² Tafelglas, 250 000 Zentner Flaschen und Säureballons.

Im Nachlass der Familie Wentzel befindet sich eine Materialstatistik aus jener Zeit: demnach verbrauchte die Firma H.L.Wentzel in einem Jahr 226 600 Zentner Kohle (Grube Friedrichsthal) und importierte verschiedene Rohstoffe, z.B. Tonerde aus Belgien und der Pfalz.

Erst die Erfindung des belgischen Unternehmers und Ingenieurs Emile Fourcault brachte die Mechanisierung der Tafelglasherstellung mit sich. Während in anderen Industriezweigen die Arbeitsabläufe zu jenem Zeitpunkt mechanisiert waren, gab es in der Glasindustrie erst in den 1920er Jahren entsprechende Verfahren.

Zu jenem Zeitpunkt konzentrierte sich die gesamte Tafelglasindustrie in St. Ingbert in einem einzigen Unternehmen, der Vereinigten Vopeliusschen und Wentzelschen Glashütten GmbH.

 

Zuvor hatten 1911 die wichtigsten Unternehmen (Wentzel und Vopelius) fusioniert und ihre Betriebe in Friedrichsthal und Sulzbach noch vor dem 1. Weltkrieg stillgelegt.

Ledig eine Flaschenglashütte, erworben 1913 von der Oldenburgischen Glashütte, wurde bis 1926 weiter betrieben.

{gallery}economy/glas/friedrichsthal/textfotos/textfoto7{/gal lery}Alte Ansicht der Glashütte Friedrichsthal

Quellen


Nachlass Ruth Wentzel

Externe Links


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