Couchant de Mons

Der Steinkohlenbergbau im Couchant de Mons

Malte Helfer

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Das westlichste Revier Belgiens

Das Kohlebecken Couchant de Mons, das westlichste der wallonischen Reviere des Kohlengürtels Haine-Sambre-Maas, erstreckt sich bei einer Breite von etwa 15 km über eine Länge von 20 km von der französischen Grenze im Westen, wo sich die Kohlelagerstätte im Revier von Nord und Pas-de-Calais fortsetzt, bis nach Mons im Osten, wo das Bassin du Centre (früher Levant de Mons) beginnt.

Der Kernraum des Reviers ist das Borinage, eine praktisch ausschließlich durch den Kohlenbergbau geprägte Landschaft, die dem Couchant de Mons ohne die Gemeinden nördlich der Haine (Hautrage, Tertre, Villerot, Pommeroeul, Bernissart, Nimy und Ghlin) sowie südlich von Mons (Ciply und Asquillies) entspricht. 89 stark gefaltete und zerstückelte Flöze mit einer Gesamtmächtigkeit von 59 m Kohle und einer durchschnittlichen Mächtigkeit von etwa 70 cm führen eine breite Palette von Kohlensorten von Gasflammkohle bis Anthrazit. Das Grubengasaufkommen ist außerordentlich hoch, was den Bergbau behinderte und gefährdete.

 

Karte: Steinkohlenbergbau

Steinkohlenbergbau

Malte Helfer, Université du Luxembourg

Anfänge bei Wasmes vor 1000 Jahren

Schon um die Jahrtausendwende sollen v.a. bei Wasmes sog. „fourfeyeux“ (Erdschürfer) Kohlen am Ausgehenden der Flöze gegraben haben. Wurden die Löcher zu tief oder gaben keine Kohle mehr her, wurde anderswo weiter gegraben. Der erste konkrete Beleg für den Bergbau ist eine Urkunde aus dem Jahr 1229 über die Einkünfte des Kapitels von Sainte-Waudru aus dem Bois de Hal. Im Jahr 1248 kam es zu ersten gesetzlichen Regelungen durch Adel und Klerus:

Das bis dahin planlos verlaufene Kohlengraben wurde beschränkt auf die Zeit zwischen Pfingsten und September, die Kohlengräber wurden verpflichtet, ihre Schächte abzustützen, das nächtliche Graben wurde verboten, die Zahl der Schächte wurde begrenzt usw.

Der Kohlenbergbau breitete sich im ganzen Borinage aus. Von De Boussu bis Cuesmes entstanden zahlreiche kleine Gruben mit immer tieferen Schächten: Lag ihre Tiefe im 15. Jh. noch bei 25 m, erreichte sie im 16. Jh. schon 40 m. Die Jahresförderung der kleinen Gruben lag bei jeweils 2-4,5 t. Im 17. Jh. bereits 120 m Tiefe erreicht. 1691 gab es 120 Förderschächte im Borinage; die Kohle wurde bereits verkauft bis nach Gent, Brügge und Antwerpen sowie bis nach dem französischen Saint-Omer kurz vor Calais.

Grand Hornu / Couchant de Mons
Quelle: M. Helfer (2003)

Ab dem 18. Jh. beteiligten sich an den Bergbaugesellschaften, die bis dahin hauptsächlich aus Bergleuten bestanden hatten, neben Bankiers und Händlern aus Mons zunehmend auch Kohlenhändler aus Flandern und Nordfrankreich. Auch der Franzose Henri Degorge, der ab 1810 den bedeutenden Komplex von Grand Hornu entwickelte, war ursprünglich als Kohlenhändler in die Region gekommen. Viele Gesellschaften bestanden nur kurze Zeit.

 

Die Einführung der Dampfmaschine 1740

Zu Beginn des 18. Jh. waren die oberflächennahen Flöze erschöpft, und Wasserzuflüsse und Grubengas erschwerten den Gang in die Tiefe. Das Wasserproblem konnte durch die Einführung der Newcomen-Dampfmaschine gelöst werden, zuerst 1740 in Pâturages. Bald darauf zogen andere Gruben nach: 1745 Bois de Boussu, 1747 Grube Buisson in Hornu, 1750 Crachet; bis 1790 sollen im Borinage 39 Maschinen installiert worden sein, mehr als in jedem der anderen Reviere.

1785 wurde auf der Charbonnage des Produits die erste Watt’sche Dampfmaschine eingerichtet. Dieser leistungsfähigere, aber auch aufwendigere Typ konnte sich jedoch erst Jahrzehnte später durchsetzen; die erste Maschine wurde 1819 sogar noch einmal durch eine nach Newcomen ersetzt. Auch eigene Konzeptionen aus der Region kamen zum Einsatz, wie die Maschinen nach Letoret. Trotz des Grubengases begann jetzt die Erschließung größerer Tiefen. Um 1750 betrieben 45 Gruben 83 Schächte. Etwa ab dieser Zeit kann man von einem systematischen organisierten Bergbau sprechen.

Die Wechsel der Herrschaft - Holländer, Franzosen, Spanier und Österreicher – führten zu großen Veränderungen und dem Ausscheiden der kleinen Gesellschaften. Die Schächte wurden immer tiefer, der höhere Aufwand führte zu ersten Fusionen: S.A. des Charbonnages du Levant de Flénu, Charbonnages Unis de l'Ouest de Mons, Compagnies des Charbonnages Belges usw.

 

Der Aufschwung des Kohlenbergbaus auf dem Kontinent beginnt

Im Borinage begann der Aufschwung des Kohlenbergbaus auf dem Kontinent. Im 18. Jh. konkurrierte es mit Anzin im französischen Nordrevier um den französischen Markt und mit der englischen „Seekohle“ in Flandern, während das Centre und das Pays Noir sich aufgrund mangelnder Transportmöglichkeiten noch nicht entwickeln konnten. Schon 1789 erreichte die Förderung des damals bedeutendsten Reviers auf dem Kontinent ½ Mio. t.

Mit der Vereinigung von Belgien und Frankreich 1795 wurde Frankreich der größte Abnehmer. Ein Teil der Kohle wurde entlang von Condé und Schelde nach Frankreich und Flandern transportiert, zunächst auf dem Landweg, später auf dem von 1807-1818 unter Napoleon gebauten Kanal.

Ste-Catherine, Dour / Couchant de Mons
Quelle: Alte Postkarte

Nachdem unter dem Ancien Régime das Recht auf die Bodenschätze bei den adligen oder kirchlichen Grundherren lag, die Abbaugenehmigungen gegen einen Anteil an der Förderung vergeben hatten, führte nach dem Loi Mirabeau (ab 1791 im Zuge der Ausbreitung des Revolutionsgebietes) das napoleonische Berggesetz (1810) zu staatlicher Berghoheit und Konzessionsvergabe.

Zur Finanzierung der teuren Dampfmaschinen zur Wasserhaltung entstanden Unternehmen, die die Dampfmaschinen gegen den elften bis vierzehnten Teil der Förderung betrieben, z.B. die Société des Pompes à Flénu. Die Kohlenförderung erfolgte noch weitgehend mit der Pferdehaspel; zwischen 1803 und 1813 wurden drei erste Dampffördermaschinen installiert, die sich in den 1820er Jahren durchsetzten.

Um 1820 versorgte das Borinage nicht nur Belgien mit Kohle, sondern deckte auch drei Viertel des französischen Bedarfs. Die Förderung wuchs stetig, und mit der Zahl der Bergarbeiter stieg auch die Bevölkerung des Borinage kräftig an. Die Ausweitung der Förderung erforderte enorme Investitionen, wodurch es zu weiteren Zusammenschlüssen von Gesellschaften kam.

Sauwartan N°1 / Couchant de Mons
Quelle: Alte Postkarte

Nach der Unabhängigkeit wurden einige größere Gesellschaften von französischen Investoren kontrolliert, und die Société Générale pour le Commerce et l’Industrie, die sich nach der durch die Revolution bedingten Krise ab 1835 mit Aktiengesellschaften im Kohlenbergbau des Borinage engagiert hatte, verfügte bald über 40% der Förderung des ganzen Reviers.

Unter ihrer Führung entstand auch 1839 die Association Houillère du Couchant de Mons. Die 1846 gegründete Compagnie des Charbonnages Belges, die den Süden und die Mitte des Reviers um Frameries übernahm, gehörte fast ausschließlich den Pariser Bankiers Rothschild.

 

Das bedeutendste Kohlerevier Europas

1829 und 1833 war das Borinage Schauplatz der ersten großen Arbeitskämpfe. Von 1830 bis 1855 verdoppelte sich die Förderung von 1,5 auf 3 Mio. t. Die Schächte wurden immer tiefer: lag die mittlere Tiefe 1838 noch bei 210 m, erreichte sie 1866 bereits 437 m und 1910 schon 703 m, wobei einzelne Schächte 1.200 m tief waren. Um 1850 hatte die Zahl der Schächte mit 109 einen letzten Höhepunkt erreicht; 154 Dampffördermaschinen wurden betrieben.

In der Folge nahm die Zahl der Schächte wieder ab, die Leistung der einzelnen Fördermaschinen nahm dagegen stetig zu. Um 1860-70 hatte das Borinage seine Blütezeit. Mechanisierung und Modernisierung hatten die Produktivität gesteigert – wenngleich sie immer noch deutlich unter der der anderen Reviere lag – und es zum bedeutendsten Kohlerevier in Europa entwickelt.

1871 überschritt die Förderung 4 Mio. t; trotz nachlassender Exporte nach Frankreich konnte das Niveau bis kurz vor dem 1. Weltkrieg gehalten werden. Aber die benachbarten Kohlereviere Centre, Charleroi und Liège, deren Transportproblem durch den Kanal- und Bahnbau inzwischen gelöst worden war, diversifizierten zunehmend, insbesondere in der Eisenerzeugung. 

Das Revier Couchant de Mons, das außer den Gruben des Borinage auch die weiter nordwestlich gelegenen in Bernissart, Harchies und Hensies umfasste und weiterhin praktisch ausschließlich auf die Kohle orientiert blieb, wurde jetzt von den anderen Revieren rasch überholt. Gegen Ende des 19. Jh. modernisierten einige Gesellschaften ihre Anlagen und errichteten Kraftwerke, in denen sie einen Teil der unverkäuflichen Kohlen verwerten konnten. Die Société Générale kontrollierte inzwischen 68% der Förderung.

Um 1900 stagnierte die Förderung, die Produktivität sank sogar. Im frühen 20. Jh. waren die Löhne im Borinage mangels konkurrierender Industrien die tiefsten in ganz Belgien. Kurz vor dem ersten Weltkrieg kamen die ersten pressluftbetriebenen Abbauhämmer und Schrämmaschinen auf. Während sich letztere im Couchant de Mons wegen der Lagerungsverhältnisse kaum einsetzen ließen, lösten die Abbauhämmer den manuellen Abbau mit dem Pickel bis 1939 ab.

Levant N°17 / Couchant de Mons
Quelle: Alte Postkarte

Nach dem 1. Weltkrieg führte die Errichtung neuer Schächte, insbesondere Hensies-Pommeroeul und Espérance in Quaregnon-Baudour sowie Héribus in Cuesmes, zu einer Erhöhung der Förderung um 23%, die Zahl der Bergleute in den 64 Gruben erreichte um 1920 mit über 37.000 (63% aller Arbeiter im Borinage!) ihren Höhepunkt. Da die Einheimischen dem Bergbau mit seinen niedrigen Löhnen zunehmend den Rücken kehrten, musste auf ausländische Arbeitskräfte zurückgegriffen werden, wobei sich ein immer größerer Fachkräftemangel bemerkbar machte.

 

Der langsame Niedergang

Nicht nur auf den Exportmärkten, sondern zunehmend auch auf dem Binnenmarkt begann sich Importkohle aus Deutschland (im Rahmen von Reparationen), Polen und England zu etablieren. Um mit dieser zu konkurrieren, wurden die Löhne 1924 um 5-10% gesenkt. Die Bergleute hatten mit einem fast viermonatigen Streik das ganze Revier lahm gelegt, bis ein Kompromiss gefunden wurde, wegen der Überproduktion waren sie jedoch in keiner guten Verhandlungsposition. Der Niedergang des Borinage-Reviers hatte begonnen. Mit der Erschließung des flämischen Campine-Reviers hatte das Borinage auch sein Monopol für die Sorten Fett- und Gaskohle verloren.

Fief de Lambrechies / Couchant de Mons
Quelle: Alte Postkarte

Die äußerst ungünstigen Lagerungsverhältnisse mit schwachen und stark gestörten Flözen und die zumeist überalterten Anlagen waren verantwortlich für die im nationalen Vergleich unterdurchschnittliche Schichtleistung der Bergleute im Borinage. Einige Gruben, wie Grand Bouillon in Pâturages und Wasmes oder Warocquière in Cuesmes schlossen bereits in den 1920er Jahren.

Nach dem absoluten Fördermaximum von 5.890.610 t im Jahr 1927 sorgte die Weltwirtschaftskrise von 1930 im Borinage, das 40% der wallonischen Kohle förderte, für noch stärkere Verluste als in den Nachbarrevieren und führte innerhalb von zwei Jahren zu sechs Lohnabsenkungen. Die zunehmenden Grubenschließungen im Zuge des Konzentrationsprozesses betrafen 1930-32 nun auch die großen Gesellschaften: N°10 Vedette in Boussu-Bois, N°2 Frédéric in Dour, N°18 Ste-Henriette in Flénu, N°4 und 5 von Rieu-du-Coeur in Quaregnon, N°8 von l'Escouffiaux und N°19 von Grand-Buisson in Wasmes. Der Bergbau des Borinage verlor zunehmend an Bedeutung.

1932 führte eine erneute Reduzierung der Förderung auf 750.000 t für das Borinage zu Entlassungen und Lohnsenkungen und einem wilden Streik von 10.000 Bergleuten und einen Monat später zu einem zweimonatigen Generalstreik von 300.000 Arbeitern im Borinage, der auf die anderen Kohlebecken übergriff. 1933 kam es zu weiteren Streiks, die Löhne sanken weiter, die Grubenschließungen setzten sich fort. Die Zahl der Bergleute im Borinage, die 1929 noch 35.521 betragen hatte, sank bis 1934 auf 22.146.

Nach dem 2. Weltkrieg fehlten wieder Arbeitskräfte, da der Beruf des Bergarbeiters bei den Einheimischen nicht mehr so gefragt war, so dass ausländische Arbeiter angeworben werden mussten, vornehmlich Italiener, später auch Spanier und Griechen. Der Bergbau des Borinage war inzwischen fast völlig von großen Holdings abhängig (Société Générale, Banque de Bruxelles pour la Finance et l’Industrie), die ihre Investitionen auf Eisen- und Erdölindustrie konzentrierten und eine Modernisierung der Gruben ablehnten. Ihnen war vor allem an einem niedrigen Kohlenpreis gelegen, um ihre Stahlwerke, Zementfabriken und Kraftwerke preisgünstig zu betreiben.

1951 trat Belgien dem EGKS-Vertrag bei, der die relativ teure wallonische Kohle ab 1952 der Konkurrenz der Nachbarländer aussetzte und den Kohlenpreis weiter sinken ließ. Trotz staatlicher Subventionen musste ein Bergwerk nach dem anderen schließen, vor allem im Borinage, dessen Stellung im belgischen Bergbau nun immer unbedeutender wurde: 1952 Schacht N°4 Grande Veine in Dour. 1957 verlangte die EGKS eine Halbierung der wallonischen Förderung innerhalb von fünf Jahren und die Schließung fast der Hälfte der belgischen Bergwerke innerhalb von zwei Jahren. Auch ein Generalstreik im wallonischen Revier im 1959 änderte daran nichts. In diesem Jahr, als der Anteil des Borinage an der belgischen Gesamtförderung nur noch 11,3% betrug, wurden fünf der verbleibenden sieben Gesellschaften zur S.A. des Charbonnages du Borinage zusammengefasst.

1957 schlossen N°7 Ste-Louise in Hornu und N°17 St-Guillaume in Cuesmes, 1958 N°3 Grand-Trait in Frameries, 1960 N°11 und N°12 Crachet-Picquery in Frameries, die nach dem 2. Weltkrieg komplett modernisiert worden waren, sowie N°10 von Grisoeul in Pâturages und N°2 von Rieu-du-Coeur in Quaregnon, 1961 N°1 Ste-Catherine in Dour und N°9 Saint-Antoine/Vedette in Boussu-Bois, die auf eine Tagesförderung von 3.000 t ausgebaut worden war, 1966 N°2 l'Espérance in Quaregnon, 1968 l'Héribus in Cuesmes.

1971 musste auch die modern ausgestattete Grube N°3 l'Espérance in Tertre schließen, die 1953 mit einer automatischen Skipförderung ausgerüstet war und als eine der wenigen wallonischen Gruben seit 1956 Kohlenhobel und hydraulischen Schreitausbau genutzt hatte, und so fort. 1976 schloss mit dem Schacht Sartys der S.A. des Charbonnages d’Hensies-Pommeroeul in Hensies die letzte Grube des Couchant de Mons.

Sartys / Couchant de Mons
Quelle: Alte Postkarte

Quellen


Dejollier, R. (1988): Charbonnages en Wallonie. 1345-1984. Namur.

Delwiche, M. et Groff, F. (1985): Les gueules noires. Bruxelles.

Lebrun, P. (1981) : La révolution industrielle, in: L’industrie en Belgique. Deux siècles d’évolution 1780-1980, Bruxelles.

Pellin, P. (o.J.): Charbonnages du Hainaut. http://mineshainaut.ibelgique.com

Pourbaix, R. (o.J.): Le bassin minier du Centre. In: L’héritage des gueules noires. De l’histoire au patrimoine industriel - Archives de Wallonie

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Externe Links


Fédération de la Chaîne des Terrils: La Chaîne des terrils external link

Pourbaix, R.: Le bassin minier du Centre external link pdf

Parc d'aventures scientifiques Crachet Picquery external link

Patrimoine industriel Wallonie-Bruxelles asbl external link

Pellin, P.: Charbonnages du Hainaut external link

Pourbaix, R.: Le bassin minier du Centre external link pdf

Site du Grand Hornu external link