Villeroy & Boch

KE020 Villeroy und Boch in Mettlach

Villeroy und Boch in Mettlach

1809 - heute

D-66693 Mettlach
Alte Abtei

Feinsteingut, Steinzeug, Porzellan

Der Firmensitz von Villeroy und Boch in Mettlach
Foto: © GR-Atlas
 

Emile Decker

Die Mettlacher Manufaktur ist eine der bemerkenswertesten Keramikfabriken des Saarlands, aber auch der Großregion. Sie ist eine Gründung der Familie Boch, die aus Audun-le-Tiche stammt und 1767 eine Manufaktur in Septfontaines in Luxemburg gegründet hatte.

Jean-François Boch (1782-1858) beschließt um 1809 im Saarland die ehemalige Abtei Mettlach zu kaufen, mit der Unterstützung seiner Schwiegereltern, den Buschmanns, Gerber in den Ardennen. Er möchte näher an den Kohlebergwerken des Saarlandes sein, denn er glaubt, dass die Steinkohle letztlich die Zukunft der industriellen Brennöfen sein wird, da das Holz immer knapper und teurer wird, und die Erneuerung der Wälder zu lange dauert.

1812 erhält er die letzten notwendigen Genehmigungen, um seine Aktivität zu beginnen. Vier Jahre später beschäftigt er am Standort bereits 150 Arbeiter. Um das Unternehmen weiter zu entwickeln, sucht Jean-François Boch nach Finanzierungsmöglichkeiten und Investoren. In diesem Sinne macht er 1818 seinen kaufmännischen Leiter Ludwig Wilhelm Dryander zum Teilhaber.

Jean-François Boch
Quelle:
Zentralarchiv V & B Merzig

Etagère, 1880-1884, emailliertes Steinzeug, Mettlach, Keramikmuseum Mettlach
Foto:
© Christian Thévenin

Diese Zusammenarbeit dauert etwa zehn Jahre, nach denen Dryander sich dazu entschließt, seine Gelder zurückzuziehen, um die Steingutfabrik von Niderviller im Departement Meurthe in Frankreich zu kaufen.

1829, nach dem Tod seines Schwagers Bonaventure Dutreux, wird Jean-François Boch Leiter der Niederlassung in Septfontaines. Er überträgt seinem Sohn Eugen die Aufgabe, die Fabrik von Mettlach zu leiten, doch behält er sich vor, das gute Funktionieren beider Unternehmen zu überwachen. So entscheidet er sich 1836, sich den Leitern der Fabrik von Wallerfangen (Vaudrevange), Nicolas Villeroy und dessen Kindern, anzunähern.

Die beiden Familien haben seit 1818 Geschäftsverbindungen. Nun kauft Boch Villeroy die notwendige Minderheitsbeteiligung an seinem Unternehmen ab. Am 14. April 1836 wird der Vertrag für den Zusammenschluss in der Saarmühle in Fremersdorf aufgesetzt. Das Kapital des neuen Unternehmens Villeroy und Boch wird in 120 Aktien aufgeteilt: 72 für die Familie Villeroy und 48 für die Familie Boch. Diese Verbindung soll es beiden Unternehmen ermöglichen, sich der englischen Konkurrenz zu stellen und die Mechanisierung der Produktionsanlagen zu erreichen. Von Mitgliedern beider Familien werden Reisen über den Ärmelkanal unternommen.

1842 überträgt Jean-François Boch die Leitung von Mettlach definitiv seinem Sohn Eugen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nimmt Mettlach an den Weltausstellungen in London, Paris und Wien teil. Die Kritiken sind sehr positiv und die Produkte werden in der ganzen Welt bekannt.

1860 wird eine Eisenbahnstrecke im Saarland gebaut; sie verbindet Saarbrücken und Trier. Mettlach befindet sich auf dieser Strecke und so ist die Fabrik von nun an mit dem deutschen Eisenbahnnetz verbunden, was in der Entwicklung des Unternehmens einen wichtigen Fortschritt bedeutet, da es die Transportkosten senkt und die Tür zu weit entfernten Märkten öffnet.

Eine neue Herstellungseinheit von 14 000 m2 für die Produktion von Bodenfliesen wird 1869 in Mettlach geschaffen. Zu dieser Zeit sind Mosaik imitierende Fliesen bei den Kunden sehr gefragt. Die „Mettlacher Platten“ werden in gasbeheizten Öfen gebrannt. Das Besondere an diesen Öfen ist, dass sie die ersten sind, die einen fortlaufenden Brand von Keramikprodukten ermöglichen. Um auf ununterbrochene Weise funktionieren zu können, benötigt das Werk so 16 Öfen.

Tabakdose, 1873-1875, Mettlach, Keramikmuseum Mettlach
Foto:
© Christian Thévenin

Büste von Pierre-Joseph Boch, Mettlach, Zentralarchiv V & B Merzig
Foto: © Christian Thévenin

1875 beginnt die Herstellung von Wandfliesen. Zu einem Zeitpunkt, wo in Europa, mit den Fortschritten der Wissenschaften und der Medizin neue Hygienekriterien definiert werden, gibt es einen beachtlichen Markt. Die öffentlichen Bäder und Krankenhäuser werden mit diesem leichter zu unterhaltenden Material ausgestattet.

Die Architekten verwenden es in Privatwohnungen: in den Bädern, Toiletten, Küchen oder auch Eingangshallen. Seine glänzende, farbige Optik überzeugt auch die Inneneinrichter. Geschäfte (Bäckereien, Metzgereien, Fischgeschäfte, Milchläden, Restaurants, Gaststätten) werden damit ausgestattet.

1878 tritt René Boch die Nachfolge seiner Vaters an. Zu diesem Zeitpunkt gilt das Unternehmen Villeroy und Boch als das größte Keramikunternehmen der Welt mit 7 Fabriken und 7 000 Mitarbeitern.

Die technische und ästhetische Qualität der Produkte setzt sich auf den Märkten durch. International renommierte Künstler werden für den Modellentwurf verpflichtet; zur Zeit des Jugendstils werden so Henry Van de Velde, Joseph Maria Olbrich oder Peter Behrens beauftragt. 1892 wird die Familie Boch vom deutschen Kaiser geadelt.

Die Steingutfabrik von Mettlach nimmt 1893 an der Weltausstellung in Chicago teil. Sie präsentiert dort mehrere große Tafeln mit Steingutfliesen: Die zentrale Tafel der Installation illustriert eine Legende in matten Farben auf grauen Steinzeugfliesen, links und rechts davon zeigen zwei andere Platten mit Verzierungen in Delfter Blau Germanien und Amerika, und schließlich geben in einem anderen Teil zwei weitere Platten in Blau Ansichten von Berlin wieder.

Der Krieg von 1914-1918 markiert einen Bruch. 1920 steht das Saarland unter dem Mandat des Völkerbundes und wird praktisch für 15 Jahre an Frankreich angeschlossen, das wegen der Zollgebühren zum hauptsächlichen Absatzmarkt wird, doch es gilt diesen Markt zu erobern. 1935 wird das Saarland nach einem Referendum wieder deutsch. 

Ab 1932 leitet Luitwin II. die Gruppe Villeroy und Boch. Der Zweite Weltkrieg ist eine erneute Herausforderung: Die Aktivität wird 1940 und 1944 für mehrere Monate eingestellt. Ein Großteil der Arbeiter wird zu den Waffen gerufen und die Produktion verlangsamt sich. Nach 1945 erreicht man schnell wieder die Verkaufszahlen der Vorkriegszeit.

Moderne Industriekeramik: Badewanne "aveo"
Quelle: © V&B

Moderne Industriekeramik: Tasse "NewWave"
Quelle: © V&B

Zwischen 1950 und 2000 hat sich der Markt weltweit geöffnet: Die Kunden aus den Vereinigten Staaten und Japan sind den schlichten Linien der damaligen Produkte gegenüber sehr aufgeschlossen.

Villeroy & Boch wird seit 1987 als Aktiengesellschaft geleitet und ist seit 1990 an der Börse. Das Unternehmen erhält 2004 den „Innovationspreis der deutschen Wirtschaft“ in der Kategorie „kleine und mittlere Unternehmen“, als Auszeichnung für Design und Produktionstechnik der NewWave-Tasse.

Der Umsatz liegt 2009 bei 715,3 Millionen Euro. Produktion und Vermarktung orientieren sich nach drei Schwerpunkten: „Tischkultur“, „Bad“ und „Fliesen“.

Quellen


Amsterdam, Rijksmuseum, 1977-1978, catalogue de l’exposition Villeroy et Boch 1748-1930, Deux siècles de production céramique, 203 p.

Manderen, Château de Malbrouck, 2003, Catalogue de l’exposition Entre Moselle et Sarre, l’aventure céramique de Villeroy et Boch, 1748-2003, éditions Serpenoise/ Conseil Général de la Moselle, 110 p.

Thomas T. 1993 : Carreaux de Mettlach - 1869-1914, Reflets d’une cinquantaine d’années d’histoire, dans : Actes du colloque de Beauvais, 1993, p. 159-168.

Thomas T. 1974 : Rôle des Boch dans la céramique des 18e et 19e siècles, Inst. Sup. d’Histoire de l’Art et d’Archéologie université de Liège - Thèse de Doctorat, Sarrebruck, 310 p.

Thomas T. 1980 : Sehr aktuell: der Mettlacher Kölner Dombecher, dans : Mettlacher Turm, décembre 1980, n°8, p. 5 et 6.

Trunkenwald E., Relations entre les Faïenceries Utzschneider et Cie de Sarreguemines (Moselle) et de Villeroy & Boch Mettlach (Sarre) durant l'annexion (1872-1913), Mémoire de maîtrise en Histoire, Faculté des Lettres et Sciences Humaines de Metz, 87p.

Mettlach, Keramik-Museum Villeroy et Boch, Catalogue Die Farbe Blau. Englischer Keramiken der Sammlungen Villeroy & Boch, Mettlach, 1995

Ulrich B., Die Reise im Spiegel der Kupferdruckgeschirre der Fa. Villeroy and Boch, Mettlach, 2 vol., (Tome 1 : Textband, 113 p. - Tome 2 : Katalog Tafelband, 53 p. et 40 pl.), Marburg, 1989, Magisterarbeit im Fach Kunstgeschichte.

Villeroy et Boch, 250 ans d’histoire industrielle en Europe 1748-1998, Mettlach, 1998, 192 p.

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