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Aufschwung und Niedergang des Steinkohlenbergbaus

Malte Helfer

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Der Steinkohlenbergbau spielt eine besondere Rolle für die Entstehung der Großregion. Nach dem 2. Weltkrieg führte der Schuman-Plan einer gegenseitigen Kontrolle der kriegswichtigen Güter Kohle und Stahl sowie der Sicherstellung dieser für den Wiederaufbau wichtigen Produktionsfaktoren 1951 zum Abschluss des EGKS-Vertrags (Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl), der "Montanunion", dem ersten Schritt auf dem Weg zur Europäischen Union.

Der von Hubertus Rolshoven, dem Vorstandsvorsitzenden der Saarbergwerke AG, 1969 geprägte Begriff des Saar-Lor-Lux-Raumes für die 1980 institutionalisierte "Vorstufe" der Großregion charakterisierte eine integrierte montanindustrielle Region im Länderdreieck von Saarland, Lothringen und Luxemburg.


Karte: Steinkohlenbergbau

Steinkohlenbergbau

Malte Helfer, Université du Luxembourg

Die Kohlelagerstätten
Die Steinkohlevorkommen der Großregion verteilen sich auf zwei Lagerstätten: Der Haine-Sambre-Maas-Kohlengürtel beginnt im Westen, vom französischen Kohlenrevier Nord External Link kommend, mit dem Borinage um Mons, gefolgt vom Bassin du Centre um La Louvière und dem Pays Noir um Charleroi und der unteren Sambre. Nach einer Unterbrechung bei Namur bildet das Becken von Liège den Abschluss im Osten. Die saarländisch-lothringische Lagerstätte streicht im Raum Neunkirchen an der Oberfläche aus und fällt nach Südwesten in Richtung Ost-Lothringen ab, wo sie von einer starken Buntsandsteinschicht überdeckt ist.

Beide Lagerstätten sind durch die variscisch-armorikanische Gebirgsbildungsphase zu Ende des Karbon vor rund 200 Mio. Jahren geprägt und streichen so von SW nach NO. Während die wallonische Lagerstätte als Teil des großen westeuropäischen Kohlengürtels von England über Nordfrankreich, Belgien, Holland, Aachen und Ruhrgebiet bis Oberschlesien in einem Meeresküstenbereich entstand, also paralischen Ursprungs ist, entstand die saarländisch-lothringische Lagerstätte in einem Binnenbecken und ist damit limnischen Ursprungs.

Stehen im belgischen Revier überwiegend geologisch ältere Oberkarbonschichten des Namur (vor rund 333-315 Mio. Jahren) sowie des Westfal A, B und C (ab 315 Mio.) an, so handelt es sich im saar-lothringischen Revier um die geologisch jüngeren Schichten des Westfal C und D (bis 296 Mio.) sowie des Stefan (296-286 Mio.).

Die Anfänge des Bergbaus ... Ensdorfstollen / Saar
Quelle: M. Helfer 


Die Anfänge des Bergbaus

Schon die Römer hatten die an den oberflächlich ausstreichenden Flözen an zahlreichen Stellen der Großregion zu findende Kohle genutzt. In der anschließenden Zeit ist eine fortgesetzte Nutzung nicht belegt. Erst ab dem Hochmittelalter finden sich wieder Hinweise, zunächst an Maas und Sambre:

Im Borinage soll schon im 11. Jh. nach Kohlen gegraben worden sein, im Becken von Liège und im Centre wird der Kohleabbau Ende des 12. Jh. erwähnt, im Pays Noir Mitte des 13. Jh.

Bereits ab dem 13. Jh. kann im Revier von Liège und im Borinage vom Beginn eines systematischen Bergbaus gesprochen werden, ab 1248 zeigen zahlreiche Dokumente, dass die bis dahin eher planlos verlaufenden Kohlengräbereien ersten Regelungen unterworfen wurden. Im Centre und im Pays Noir kam diese Entwicklung ein Jahrhundert später.

An der Saar wird der Kohlenabbau um 1400 erstmals erwähnt. Zu einem systematischen Abbau kam es jedoch erst Mitte des 18. Jh. mit der Reservation des Steinkohlenbergbaus durch Fürst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken 1754.

In Lothringen war es wegen der tiefer liegenden Flöze gar nicht erst zu frühen Kohlegräbereien gekommen, erst die systematische Prospektion stieß 1817 bei Schoeneck in 65 m Tiefe zum ersten Mal auf Kohle, die ab 1830 im Schachtbau gefördert wurde.

Mit der Dampfmaschine in größere Tiefen
Im 18. Jh. waren die oberflächennah gelegenen Flöze allmählich ausgebeutet, und zunehmende Wasserzuflüsse erschwerten das Vordringen in die Tiefe. Die Einführung der 1706 von Newcomen erfundenen und ab 1712 im Bergwerk von Wolverhampton eingesetzten Dampfmaschine löste das Problem durch das Abpumpen des Grundwassers und revolutionierte so den Bergbau.

Nur neun Jahre später wird 1721 im Becken von Liège die erste Newcomen-Dampfmaschine auf dem Kontinent installiert, ein Beweis für die Fortschrittlichkeit des Reviers und die internationalen Kontakte seiner Bergingenieure. 1734 wird im Borinage die erste Dampfmaschine auf Pâturages eingerichtet, im Pays Noir 1735 auf Lodelinsart, im Centre verwendet die Gesellschaft La Barette 1766 die erste Maschine.

Vor allem im Borinage werden bis 1790 zahlreiche, in Lüttich nachgebaute Dampfmaschinen errichtet. Auch an der Saar setzt die damals lothringische Grube Griesborn von 1773-75 vorübergehend eine Dampfmaschine ein.

Bei einem Wirkungsgrad von nur etwa 0,5% hatten die 8 bis 10 PS starken atmosphärischen Newcomen-Dampfmaschinen einen enormen Kohlenverbrauch, andererseits standen sie natürlich an der Quelle. Mit der Weiterentwicklung der Dampfmaschine durch James Watt setzte sich die Dampftechnik um 1800 schließlich durch. Der Kohle in die Tiefe folgend führten nach und nach auch die anderen Gruben Dampfmaschinen zur Wasserhebung ein, einige Jahre später dann auch zur Kohlenförderung.

Die notwendigen Investitionen für Tiefbauschächte und Maschinen überforderten die kleinen Gruben, die nach und nach fremdes Kapital aufnehmen mussten – was die neue Gesellschaftsform der Aktiengesellschaft erleichterte –, mit anderen Unternehmen fusionieren oder den Betrieb einstellen mussten.

Plakette zum Gedenken an die Errichtung der 1. Dampfmaschine auf dem Kontinent auf der Grube Nouveau Gromet durch O'Kelly im Jahr 1721
Foto: Bel Adone

Mit Industrialisierung und Eisenbahnbau zur Blütephase im 19. Jahrhundert
Im 18. Jh. begannen sich in Wallonien und dem Saarland die Glashütten, vereinzelt auch Keramikhersteller am Kohlenbergbau zu beteiligen, im Borinage auch Eisenhütten. Aber erst mit dem sprunghaft steigenden Bedarf der Eisen- und Stahlindustrie an Koks und Kohle im 19. Jh. verstärkte sich die Tendenz, dass sich Unternehmen in beiden Zweigen der Montanindustrie engagierten.

Der Aufschwung des Kohlenbergbaus in der Großregion begann im Borinage, dem westlichsten Teilrevier des Hainaut. Dank des industriellen Rückstands in Frankreich und des Fehlens an Kohle in anderen Ländern wurde Kohle in großem Umfang exportiert, insbesondere nach Frankreich, Holland und der Schweiz. Mitte des 18. Jh. konkurrierte das damals bedeutendste Revier auf dem Kontinent mit Anzin im französischen Nordrevier um den französischen Markt und mit der englischen "Seekohle" in Flandern. Schon 1789 erreichte die Förderung 350 000 t. Während im Borinage kaum Folgeindustrie entstand, entwickelte sich Mitte des 19. Jh. das Becken von Charleroi im Bereich der Eisenverhüttung zum weltweit leistungsfähigsten Revier.

Dampfmaschine am Schacht Emmanuel, Bois-du-Luc / Centre
Quelle: Alte Postkarte
Aufschwung der Steinkohlenförderung von 1810-1914

Nachdem unter dem Ancien Régime das Recht auf die Bodenschätze bei den adligen oder kirchlichen Grundherren lag, die Abbaugenehmigungen gegen einen Anteil an der Förderung vergeben hatten, hatte nach der Loi Mirabeau (ab 1791 im Zuge der Ausbreitung des Revolutionsgebietes) das napoleonische Berggesetz (1810) zu staatlicher Berghoheit und Konzessionsvergabe geführt.

Der mit der Industrialisierung rasant ansteigenden Nachfrage nach Kohle konnte zwar mit stetiger Erhöhung der Förderung durch die Einstellung von immer mehr Bergleuten begegnet werden, aber vielfach behinderte die wenig leistungsfähige Transportinfrastruktur den Absatz.

Abhilfe schaffte man hier zunächst durch den Bau von Kanälen, aber ab Mitte des 19. Jh. verlagerte sich der Kohlentransport zunehmend auf das rasch expandierende Schienennetz.

Ab dem 16. Jh. waren in Belgien einige Kanäle entstanden, die im Zuge der frühen Industrialisierung im 19. Jh. zu einem ausgedehnten Netz erweitert wurden, insbesondere um Kohle aus dem Borinage und dem Pays Noir nach Paris und Nordfrankreich zu transportieren.

Die dynamische Entwicklung von Bergbau und Industrie im Hennegau führte schließlich sogar zum Bau des Canal du Centre 1882-1917 über den Höhenrücken zwischen Maas und Schelde.

Im Saarrevier wurde seit der zweiten Hälfte des 16. Jh. bei hohem Wasserstand Kohle aus Dudweiler und Sulzbach auf der Saar abwärts transportiert. Mit der Eröffnung des Saarkohlenkanals zwischen Saargemünd und dem Rhein-Marne-Kanal 1865 konnte die Saarkohle bis Pa­ris, Lyon und Basel ver­schifft werden.

Ab 1840 gründeten wallonische Bergwerksgesellschaften Bahnunternehmen, die bis Mitte der 1860er Jahre ein leistungsfähiges Netz etablierten. An der Saar wurde 1849 die Ludwigsbahn nach Ludwigshafen am Rhein eröffnet. Das daran in den folgenden Jahren anknüpfende Netz der Saarbrücker Eisen­bahn erschloss neue Ab­satzmärkte bis Gießen, Salzburg, Genf, Mailand, Paris und Le Havre und führte zu einem revolu­tionären Aufschwung der seit 1842 stagnierenden Saargruben.

Das Lothringer Kohlebecken erhielt 1852 mit der Verbindung von Forbach nach Metz den dringend benötigten Anschluss an die Linie Paris-Straßburg, in der anderen Richtung wurde es im gleichen Jahr an die Saarbrücker Eisenbahn angebunden.

Mit der Erschließung überregionaler Absatzmärkte konzentrierte sich der technische Fortschritt im Bergbau in der 2. Hälfte des 19. Jh. vor allem auf eine Erhöhung der Fördermengen durch die Mechanisierung der Förderung untertage, und die Blütezeit des Steinkohlenbergbaus begann. Die Exporte, der Beginn der Eisenverhüttung und der zunehmend vielfältigere Einsatz von Kohle führten zu einem starken Anstieg der Kohlenförderung im Hennegau von 1810 bis 1880; das Borinage war um die Mitte des 19. Jh. das bedeutendste Kohlerevier des Kontinents.

Im Revier von Liège begann der Aufschwung erst in den 1830er Jahren, an der Saar um 1850, in Lothringen um 1900. Bis Ende des 19. Jh. wurde im Hennegau mehr Kohle gefördert als in allen anderen Revieren der Großregion zusammen; erst kurz vor dem 1. Weltkrieg wurde er vom Saarrevier übertroffen, das seinen Höhepunkt 1913 mit einer Förderung von 17,3 Mio. t erreichte. In Liège war 1910 mit 6,5 Mio. t das Fördermaximum erreicht. In Lothringen, wo das Karbon von einer mächtigen Sandsteinschicht überlagert ist, war der Durchbruch erst 1854 gelungen. Nachdem Frankreich 1871 das Département Moselle mit den Gruben verloren hatte, begann der Aufschwung erst um die Jahrhundertwende. Vor dem 1. Weltkrieg waren 4 Mio. t Förderung erreicht.

St-Placide / Couchant de Mons
Quelle: Alte Postkarte

Erste Krisen in der Wallonie nach dem 1. Weltkrieg
Nach dem 1. Weltkrieg kamen in Belgien konkurrierende, günstigere Brennstoffe auf. Dies führte ab den 1920er Jahren zu einem starken Rationalisierungsdruck, der die Modernisierung der Anlagen und den Zusammenschluss der zahlreichen kleinen Gesellschaften erforderte, insbesondere im Borinage, wo bis dahin am wenigsten modernisiert worden war und die Tagesförderung der 265 Gruben im Schnitt bei nur 280 t lag. Im Becken von Charleroi blieben trotz der Fusionen auch zahlreiche kleinere Gesellschaften bestehen, an denen Eisenhütten beteiligt waren.

1926 förderten in der Wallonie 271 Schächte 25 Mio. t, davon 15 Mio. t im Hennegau. In Belgien war mit 200 000 Bergleuten der Höhepunkt der Beschäftigung erreicht. In den 1920er Jahren wurden viele unrentable Gruben geschlossen. Dennoch kam es zu einer ersten großen Einwanderungswelle, v.a. aus Italien; 1930 arbeiteten in den belgischen Gruben schon mehr als 17 000 Ausländer. Jetzt begann die Krise der anderen wallonischen Reviere, aber auch an der Saar kam es im Zuge der Weltwirtschaftskrise zu einer ersten Stilllegungswelle.

In Lothringen sorgten die neuen Bergwerke Faulquemont und Folschviller nach dem Krieg für eine Steigerung der Förderung auf 6,7 Mio. t bis 1938, zum Teil aus der saarländischen Lagerstätte im Warndt.

Bois du Cazier / Pays Noir
Foto: M. Agrillo 2007 (CC
) Niedergang der Steinkohlenförderung von 1945-2012

Wiederaufschwung mit dem Aufbau nach dem 2. Weltkrieg
Nach dem Einbruch am Ende des 2. Weltkriegs erholte sich der belgische Bergbau rasch, die Zerstörungen waren gering geblieben.

Um eine energetische Basis für den wirtschaftlichen Wiederaufschwung Belgiens zu schaffen, wurde die "Bataille du Charbon", die Kohlenschlacht, lanciert, in deren Verlauf die wallonische Förderung Anfang der 50er Jahre mit über 20 Mio. t noch einmal fast das Maximum von 23 Mio. t vor dem 1. Weltkrieg erreichte.

Dabei kam es zu Rationalisierung, zu Fusionen und zu verstärkter Beteiligung der Eisenindustrie. Das Personal wurde zunehmend von – meist italienischen – Immigranten gestellt.

In Frankreich waren die Kriegsschäden an den Gruben so groß, dass der Bergbau zur Erleichterung des Wiederaufbaus verstaatlicht wurde. Als Kriegsentschädigung durften die Lothringer Gruben die saarländische Lagerstätte im Warndt ausbeuten. Nach dem Monnet-Plan stieg die Förderung von 1945 bis 1958 von 2,2 auf 15 Mio. t, die Zahl der Beschäftigten erreichte 46 000.

Das Saarrevier fiel nach dem Krieg unter französische Verwaltung, bis das Saarland 1957 in die BRD eingegliedert wurde. Im gleichen Jahr wurde die Saarbergwerke AG gebildet, deren Anteile zu 74% beim Bund und zu 26% beim Saarland lagen.

Nach dem Einbruch zum Ende des Krieges wurde erst 1955 mit 17,2 Mio. t das Fördermaximum von 1913 wieder fast erreicht.

EGKS-Vertrag und Kohlenkrise – der lange Niedergang
Die Ausbeutung der wallonischen Kohlebecken war nach dem 2. Weltkrieg schon weit fortgeschritten. Mit einer Mächtigkeit von teilweise nur 30 cm wurden zahlreiche extrem dünne, oft steil stehende Flöze abgebaut, auch wenn einzelne Flöze die zehnfache Mächtigkeit besaßen. Schrämmaschinen, Hobel, Panzerförderer usw. waren in den dünnen Flözen nicht anwendbar. Obwohl seit 1950 fast die Hälfte der Gruben aufgegeben worden war, wurden 1956 immer noch 93,5% der Kohle ausschließlich mit dem Abbauhammer abgebaut, im Borinage war erst ein einziger Kohlenhobel im Einsatz, im Centre noch keine Gewinnungsmaschine überhaupt, und dies, obwohl in der Wallonie zu diesem Zeitpunkt noch zwei Drittel der gesamten belgischen Kohleförderung erbracht wurden. Die Schichtleistung lag in der Wallonie bei 1,1 t gegenüber 1,8 t an der Saar und 1,5 t in Lothringen.

Mit dem Inkrafttreten des EGKS-Vertrages 1952 wurde evident, dass der belgische Kohlenpreis um 55% über dem deutschen lag. Mit technisch einfachen Schrappern, die am Flöz entlang gezogen wurden, versuchte man zwar, auch steile Strebe mit schwachen Flözen zu mechanisieren, aber noch 1960 wurden in der Wallonie 90% der Kohle weiterhin mit dem Abbauhammer abgebaut. Die durchschnittliche Mächtigkeit der abgebauten Flöze lag bei 80cm, wobei immer noch einzelne Flöze unter 40cm abgebaut wurden. Eine konsequente Mechanisierung und Rationalisierung war nicht möglich.

Die belgische Regierung versuchte den Niedergang mit Subventionen zu bremsen, aber spätestens die Kohlenkrise sorgte dafür, dass die meisten wallonischen Gruben zwischen 1957 und 1961 schließen mussten. Der Lothringer Bergbau hatte seine kurze Blütezeit erst in der Nachkriegszeit, das Fördermaximum von knapp 17 Mio. t wurde erst 1956 erreicht.

Zur Kohlenkrise war es 1957 durch das Vordringen von Erdöl und die nach dem 2. Weltkrieg mit sinkenden Frachtraten zunehmende Einfuhr preiswerter Überseekohle gekommen, wodurch ein Überangebot an Kohle entstand. Die dadurch erzwungenen fortgesetzten Rationalisierungs- und Reduzierungsmaßnahmen führten zu einer Konzentration des Bergbaus auf möglichst ungestörte, genügend mächtige Flöze in nicht zu steiler Lagerung, in denen sich die immer größer werdenden Maschinen am besten einsetzen ließen.

In Wallonien hatten schon vor der Kohlenkrise vor allem im Borinage viele kleine Gesellschaften aufgeben müssen; die Krise beschleunigte die Grubenschließungen noch einmal dramatisch. An der Saar kam es ab 1957 zur stärksten Standortreduzierung des Reviers: Bis 1968 wurden 16 von 23 Gruben aufgegeben bzw. zusammengelegt.

In Lothringen wurden bis 1972 keine Gruben geschlossen, da die erst unmittelbar vor der Kohlenkrise zum Ersatz der auslaufenden Warndtpachtkapazitäten eingerichteten modernen Neuanlagen beste Voraussetzungen für eine intensive Mechanisierung und Rationalisierung boten, die dem Revier zu höchster Leistungsfähigkeit verhalfen: 1958 lag die Schichtleistung untertage mit knapp 2,3 t um ein Viertel höher als an der Saar und doppelt so hoch wie in Wallonien. Aber ab 1959 stoppte die Kohlenkrise auch hier die Expansion.

Wendel 1 / Lorraine
Quelle: P. Jegentowicz / J. Urek

 

Technische Höchstleistungen verzögern nur den Niedergang
Mit der Einführung des hydraulischen Schreitausbaus ab 1966 in Lothringen und 1969 an der Saar und des vollmechanisierten Strebverbundsystems mit Schildausbau ab 1974 stieg die Leistung der Gruben noch einmal beträchtlich. Spätestens jetzt konnten die wallonischen Reviere nicht mehr mithalten.

Da aber alle Bemühungen nicht ausreichten, um mit der aufgrund wesentlich günstigerer Förderbedingungen weit billigeren Importkohle zu konkurrieren, versuchten seit den 1960er Jahren auch Deutschland und Frankreich, den Niedergang ihres Bergbaus durch staatliche Subventionen aufzufangen.

Die Ölkrisen brachten nur eine vorübergehende Renaissance der Kohle, ab 1984 musste die Förderung wieder reduziert werden. In Frankreich besiegelte der 1994 geschlossene "Pacte Charbonnier National" das Ende des Bergbaus.

 

Göttelborn / Saar (2003)
Quelle: M. Helfer

Die kontinuierliche Senkung der von der EU genehmigten Subventionen ab 1996 beschleunigte die Absenkung der Förderung und die schrittweise Schließung der letzten Standorte in allen Revieren.

In Wallonien hatte schon 1973 Quesnoy als letzte Grube des Centre geschlossen, 1976 Sartys als letzte des Couchant de Mons, 1980 Argentau in Blégny-Trembleur im Revier von Liège und 1984 Sainte Catherine du Roton im Pays Noir als letzte wallonische Grube, in Lothringen schloss als letzte La Houve 2004.

An der Saar förderte nach der Schließung des Bergwerks Warndt 2005 als letztes Bergwerk der Großregion noch das Bergwerk Saar External Link in Ensdorf, das aufgrund von massiven Bergschäden mit zunehmendem Widerstand der Bevölkerung konfrontiert war und im Juni 2012 die Tore schloss.

Insgesamt wurden in den wallonischen Revieren über die Jahrhunderte rund 2 Milliarden Tonnen Kohle gefördert, im Saarland 1,5 Milliarden Tonnen und in Lothringen rund 800 Millionen Tonnen.

Quellen


Großregion

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Externe Links


Bergwerk Saar external link

Jegentowicz, P. und Urek, J.: Les puits miniers du bassin houiller lorrain external link

Patrimoine industriel Wallonie-Bruxelles asbl external link

Rockstein, A.: Gruben, Schächte und Stollen im Saarland external link

Sites miniers majeurs de Wallonie external link