Kirchenbau im 20. Jh.

Kirchenbau im 20. Jahrhundert (Überblick)

 

Georg Schelbert und Stephan Brakensiek (2012)

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Einführung


Im Gebiet der Großregion entstanden im 20. Jh. schätzungsweise mehr als 1 000 neue Kirchenbauten oder vollständige Umbauten älterer Kirchen. Starkes, schubweises Bevölkerungswachstum im Zuge der Industrialisierung; Zerstörungen in beiden Kriegen sowie durch die Kriege bedingte Bevölkerungsverschiebungen schlugen sich auch im Kirchenbau nieder. Für die Gestalt der Kirchenbauten spielen auch innerkirchliche Entwicklungen eine Rolle, insbesondere die seit dem frühen 20. Jh. einsetzende Liturgiediskussion, die als Reform im 2. Vatikanischen Konzil gipfelte und in den verschiedenen Regionen unterschiedlich starke Auswirkung hatte.

Überblick


Mit dieser Karte wollen die Autoren das interdisziplinär zwischen Architektur- und Kunstgeschichte, Städtebau und allgemeiner Kulturgeschichte aufgefasste Thema des Kirchenbaus im 20. Jh. erstmalig flächendeckend sondieren.

Der Kirchenbau ist einerseits eine Art Indikator für wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklungen in einer im 20. Jh. sehr heterogenen Region und ist dabei in der Konzentration seiner Erscheinungen – eine Kirche repräsentiert bereits eine große Gemeinde von Personen – zur Erfassung besser geeignet als etwa der Industrie- oder Wohnungsbau.

Zum Anderen ist die Nutzung von Kirchenbauten, insbesondere des 20. Jh., wegen großer sozialer Veränderung derzeit vielerorts einem grundlegende Wandel unterworfen. Daher versteht sich dieser Überblick auch als ein erster Schritt zu einer systematischen Untersuchung des Problems nicht mehr genutzter Kirchenbauten.

Das Thema des Kirchenbaus des 20. Jh. in der Großregion ist von der Forschung in viel geringerem Umfang bearbeitet worden als beispielsweise das Rheinland oder der Großraum Paris – Gebiete, die jedoch auch einen viel reicheren Bestand an modernen, teils spektakulären Kirchenbauten aufweisen.

Karte: Kirchenbau im 20. Jahrhundert

Karte: Kirchenbau im 20. Jahrhundert

Georg Schelbert, Humboldt-Universität zu Berlin, und Stephan Brakensiek, Universität Trier

Saint François, Audun le Tiche, 1934, Fassade
Foto: G. Schelbert

Die vorhandenen Untersuchungen besitzen zumeist eine disziplinäre Perspektive (z. B. Architekturgeschichte), oder fokussieren einzelne Perioden (z.B. Bauten der Moderne, des Historismus) oder Gebiete (z.B. einzelne Diözesen).

Der Bearbeitungsstand ist zudem sehr unterschiedlich. So ist etwa der rheinland-pfälzische Teil des Bistums Trier durch die Untersuchung von Brigitte Hammerstein gut erschlossen, während für Wallonien oder Lothringen kaum Literatur vorliegt. Die hier vorgestellte Karte bildet erstmals einen – wenn auch noch sehr groben – Überblick für das ganze 20. Jh. im Gebiet der Großregion.

Zunächst konnte nur eine stichprobenartige Auswahl von etwa 150 Kirchenbauten getroffen werden. Dabei wurde darauf geachtet, einen typischen Querschnitt von charakteristischen Beispielen zu erstellen.

Auch wenn Kirchenbauten sicherlich nur mit Einschränkung als sozial- und wirtschaftshistorische oder auch kulturhistorische Indikatoren geeignet sind, indem sie eine besondere Bauaufgabe darstellen, die im Zweifelsfall auch erst nach anderen zur Ausführung kommt, bildet diese Rolle einen wichtigen konzeptionellen Hintergrund für die vorliegende Datenerhebung.

Im Sinne dieser Indikatorfunktion wurde der Umstand, dass der zeitliche und räumliche Ausschnitt – das 20. Jh. und die Großregion – ohnehin keinen geschlossenen Bestand aus der Sicht der Architekturgeschichte bilden, nicht als Mangel, sondern als Chance für einen neuen Blick empfunden.

Daher ist die Auswahl nicht auf Bauten fokussiert, die der architektonischen "Moderne" angehören, sondern es wurden auch Beispiele einbezogen, die noch vollständig dem Historismus verpflichtet sind.

Auch räumlich wirken außerhalb liegende Zentren hinein. Dies schon deshalb, weil sich die für den Kirchenbau wichtigen Diözesengrenzen nicht mit den politischen Grenzen decken.

Épinal, Notre-Dame-du-Cierge, 1956

Luxemburg-Cents, Saint Ésprit, 1980
Foto: G. Schelbert

Insgesamt stellen die – katholischen und evangelischen – Pfarrkirchen oder Filialkirchen den größten Anteil der verzeichneten Bauten, sei es, dass sie als Ersatz für die zu klein gewordene oder zerstörte Hauptkirche des Ortes oder als Neubau für ein neu entstehendes Stadtviertel errichtet wurden.

Auch Umbauten oder Erweiterungen wurden aufgenommen, sofern sie einen relevanten Umfang erreichen. In großem Abstand folgen Kloster-, Wallfahrts- und Votivkirchen, die auch sozialhistorisch und städtebaulich weniger signifikant sind.

Neubauten von Bischofskirchen gibt es im Untersuchungszeitraum – wenn man reine Wiederaufbaumaßnahmen ausklammert – überhaupt nicht.

Auf die Aufnahme von baulich nicht selbständig in Erscheinung tretenden Kapellen in Krankenhäusern und sonstigen Einrichtungen, sowie auf Friedhofs- und Gedächtniskapellen wurde verzichtet.